Kultur
Ein Schloss mit Braunschweiger Herz – Schloss Blankenburg
Hoch über Blankenburg thront ein Stück Braunschweiger Geschichte. Das Große Schloss erzählt von Welfen, Theaterrevolutionen, fürstlichem Glanz und einer Herzogsfamilie, die hier einst ein Zuhause fand. Heute sorgt ein engagierter Verein dafür, dass diese Geschichte nicht verstummt. Ein Besuch lohnt sich – gerade deshalb.
Von Dr. Christian Lechelt
Hoch über Blankenburg thront ein Stück Braunschweiger Geschichte. Das Große Schloss erzählt von Welfen, Theaterrevolutionen, fürstlichem Glanz und einer Herzogsfamilie, die hier einst ein Zuhause fand. Heute sorgt ein engagierter Verein dafür, dass diese Geschichte nicht verstummt. Ein Besuch lohnt sich – gerade deshalb.
Wer von Schloss Blankenburg hinunter ins Harzvorland schaut, blickt nicht einfach auf eine hübsche Stadt. Er schaut mitten hinein in ein Stück Braunschweiger Geschichte. Denn Blankenburg gehörte über Jahrhunderte zum Herrschaftsbereich der Welfen und war damit eng mit jenem Herzogtum Braunschweig verbunden, dessen Spuren bis heute das Gesicht der Region prägen. Das Große Schloss ist so etwas wie die steinerne Visitenkarte dieser Verbindung – großspurig im besten Sinne und voller Geschichten.
Seine eigentliche Glanzzeit begann mit Herzog Ludwig Rudolf von Braunschweig-Wolfenbüttel. 1690 erhielt er Blankenburg als Apanage, 1707 wurde die Grafschaft zum Fürstentum erhoben. Ludwig Rudolf wollte nun nicht kleckern: Gemeinsam mit dem Braunschweiger Landbaumeister Hermann Korb ließ er das Schloss ab 1705 zu einer repräsentativen barocken Residenz ausbauen. Der kleine Fürst wollte schließlich groß auftreten. Und so entstand hoch über der Stadt eine Anlage, die bis heute Eindruck macht.
Ludwig Rudolf war allerdings nicht nur ein Mann für Prunk und Repräsentation. Mit seiner Frau Christine Luise machte er Blankenburg zu einem kulturellen Zentrum. Musik, Theater, Feste, Feuerwerk – am Hof durfte es durchaus knallen. Besonders bemerkenswert: Hier erhielt eine Frau Rückenwind, die später die deutsche Theatergeschichte verändern sollte. Friederike Caroline Neuber, besser bekannt als die Neuberin, stand am 22. November 1717 erstmals im Blankenburger Schloss auf der Bühne. Ludwig Rudolf und Christine Luise förderten die Schauspielerin und Theatermacherin, die sich gegen das damals verbreitete Jahrmarkt- und Stegreiftheater stemmte und für ein anspruchsvolleres deutsches Sprechtheater kämpfte. Blankenburg war damit nicht nur Residenz, sondern auch eine frühe Bühne für die Reform des deutschen Theaters.
Auch im 20. Jahrhundert blieb das Schloss eng mit Braunschweig verbunden. Herzog Ernst August, der letzte regierende Herzog von Braunschweig, und seine Frau Viktoria Luise von Preußen, Tochter Kaiser Wilhelms II., machten Blankenburg ab 1914 zu einer Nebenresidenz. Nach dem Ende der Monarchie blieb das Schloss in ihrem Besitz; ab 1930 wurde es sogar zum Hauptwohnsitz der Familie. 1945 endete diese Epoche abrupt, die Familie floh mit dem gesamten Schlossinventar gen Westen auf die Marienburg bei Hildesheim. Als Volkseigentum diente das Schloss in der Zeit der DDR erst als Genesungsheim, dann als Fachschule für den Binnenhandel mit Internat.
Dann kam die lange Durststrecke. Leerstand, Verfall, eine Zukunft, die alles andere als rosig aussah. Bis sich 2005 Menschen zusammentaten, die sich mit dem Niedergang nicht abfinden wollten: der Verein Rettung Schloss Blankenburg. Was folgte, ist eine bemerkenswerte Mischung aus Beharrlichkeit, Ehrenamt und Leidenschaft. Der Verein sichert, saniert und belebt das Schloss Schritt für Schritt. 2014 gab es dafür den Deutschen Preis für Denkmalschutz. Heute gehören wieder Führungen, Veranstaltungen, Theater und Hochzeiten zum Schlossleben.
Und genau deshalb lohnt der Besuch: Das Große Schloss ist kein geschniegelt herausgeputztes Museum, das seine Geschichte hinter Glas sperrt. Es ist ein Denkmal mit Patina, Baustellencharme und erstaunlich viel Leben. Man wandelt durch Säle, in denen einst Fürsten hofierten, Schauspielerinnen Theatergeschichte schrieben und die letzten Braunschweiger Herzöge wohnten.
Dr. Christian Lechelt
Kunsthistoriker, Leiter des Museums Schloss Fürstenberg. Experte für die Kunst- und Kulturgeschichte des europäischen Porzellans vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Vizepräsident der Gesellschaft der Keramikfreunde e. V. und Redakteur der Zeitschrift KERAMOS.
Mehr aus dieser Rubrik
Zur Startseite
