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Kultur

Sandkamper unten auf der Sonnenseite

Selbstoptimierung

Von Jens Richwien

(Fotografie: Jan Rebuschat)

Die Sucht nach der Perfektion, nach Anerkennung, nach Glückseligkeit, nach dem Nonplusultra in allen Lebensbereichen. Auch für den Sandkamper keine fremde Welt. Doch wie schmal ist der Grat eigentlich zwischen der nicht selten verherrlichten Selbstoptimierung und dem stets negativ konnotierten Narzissmus?

Der Grunge und Doom der 1990er

Grunge und Doom der 90er sind Spielarten des Metals mit schweren, langsamen Gitarren und einer düsteren Grundstimmung zur Abhandlung von Melancholie, des Untergangs, der Sehnsucht, der Verzweiflung. Die Protagonisten dieser Musikrichtungen ersuchen die Selbstoptimierung durch offen dar­gelegte Selbstreflexion. Die Schwachen verfangen sich allerdings, wenn sie denn gehört werden, in der ständigen Wiederholung alter Verse und Zeilen lang überholter Gedankengänge und gehen daran zugrunde.

Doch mit dieser emotionalen End­zeitstimmung gibt sich der Sandkamper in seinem Debütalbum letztlich nicht zufrieden: „Narzissmus ist ein Zeit­dokument, das eine Reise durch stetige Ambivalenz, das Hören zwischen den Zeilen und die finite Abrechnung mit Dr. Jekyll und Mr. Hyde festhält“, erklärt Maurizio Menendez Cina, der kreative Kopf hinter Sandkamper.

„Es gilt, sich anzunehmen, seine Sonnen- und Schattenseiten sowie alles, was geschieht.“

Eine Reise durch stetige Ambivalenz

Auch wenn die anfänglich düsteren Sounds Seelenschmerz und Gefühlsmüdigkeit symbolisieren, wird im Laufe der „Reise“ deutlich, dass „es gilt, sich anzunehmen, seine Sonnen- und Schattenseiten sowie alles, was geschieht – willentlich, irrtümlich oder unwillkürlich“. Nur wer begreife, dass „Himmel und Hölle in jedem von uns stecken, dass Veränderung das einzig Beständige in unserem Leben ist, der vermag sich selbst zu erkennen, in Wahrheit und wohlmöglich am seelischen Optimum zu leben“, schätzt er und fügt hinzu: „Nur jener vermag etwas festzuhalten, was nicht festzuhalten ist, dennoch loszulassen, was in Freiheit gehört – Menschen, Gedanken, Erinnerungen.“

Verstanden werden können Verse wie: „Egal, wo du bleibst, es gibt keinen Weg mehr zurück“ (aus dem Song „Egal, wo du bist“) oder „Vergiss die, die dich vergessen“ (aus Himmel und zur Hölle) überspitzt gesehen jedoch immer im Zwiespalt zwischen dem achtsamen Dalai Lama und dem selbsternannten Narzissten Oscar Wilde. Absicht oder Zufall? Letztlich ist es – wie so oft – die subjektive Wahrnehmung, die uns einen Streich spielt. Selbstoptimierung oder Narzissmus?

Es ist das, wofür sich das Individuum entscheidet – in diesem Falle der Leser. Der Hörer. Sie?

Dieser Artikel erschien zuerst in der Stadtglanz Print-Ausgabe 15 / April 2020.