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Wirtschaft

1. Februar 2021

Können wir Mode?

Wie stilbewusst ist eigentlich unsere Region?

Von Jens Richwien

Zwischen stationärem Einzelhandel, Influencern, Messen und Online-Handel: Wie stilbewusst ist eigentlich unsere Region? Welche Rolle spielen Modehändler als Impulsgeber für Trends und Styles? Diesen und weiteren Fragen ist STADTGLANZ auf die Spur gegangen ­– sprach dazu mit zwei hiesigen Experten der Branche.

 

Sind wir eine modische Region?

Ring: Ja und nein. Wir sind sicherlich keine Region, in der die Mode Trends setzt – im Bereich Mobilität sicherlich eher … Dennoch: Hinsichtlich der Anzahl der Geschäfte und Markenvielfalt in unserer Region sind wir gut aufgestellt. Und nicht zu vergessen, mit New Yorker hat ein weltweit agierendes Mode­unternehmen in der Löwenstadt sein Zuhause. Auch trifft man auf reichlich kreative und modisch angezogene Menschen. Leider stellt man auch in den hiesigen Innenstädten fest, dass die Zahl an austauschbaren Konzepten – also Franchisern & Co. – zunimmt. Mehr individueller Einzelhandel täte uns freilich gut.

Was bedeutet Mode für Sie?

Ring: Das ist für mich eindeutig eine Stilfrage. Mir ist es wichtig, gut und trendorientiert angezogen zu sein. Trends, wie etwa neue Farben oder Silhouetten, an meinen Modestil anzupassen.

Sind Sie schon immer modeaffin unterwegs?

Ring: Definitiv – seit 25 Jahren bin ich nun schon im Einzelhandel tätig. Ich schaue mir seit Jahren diverse Zeitschriften, Blogs und Messen an, gehe mit offenen Augen durch die Städte. Selbst würde ich mich eher als den sportiven Typ beschreiben: Lieber Turnschuhe als High Heels.

Profitieren Sie als Einzelhändler von digitalen Kanälen?

Ring: Wir profitieren definitiv von den neuen Kommunikationsmöglichkeiten – wir sind selbst unter anderem mit Instagram, Facebook, Blogs und Newslettern aktiv. Für uns ist es gut, da wir dadurch schneller und direkter mit unseren Kunden über Aktionen und Trends kommunizieren können.

Was würden Sie sagen: Hat sich die Herrenwelt mittlerweile modisch emanzipiert – oder inwiefern diktieren die Damen, was Mann trägt?

Ring: In unseren Läden sind eher die modisch informierten Männer unterwegs. Oft kommen sie mit gezielten Wünschen und Vorstellungen zu uns – im generellen Straßenbild würde ich mir allerdings noch viel mehr „modische Männer“ wünschen. Bei vielen Männern hat Mode keinen ganz hohen Stellenwert. Sie haben andere Interessen, als einen neuen, coolen Look zu tragen.

Haben Sie eine Mode-Lieblingsstadt?

Ring: Das ist eindeutig Kopenhagen. Ich liebe die lässige Lebensart, das schöne, geradlinige Design der Möbel und den eher cleanen Look der Modelabels. In Deutschland finde ich derzeit Berlin am coolsten – von hier kommen viele Streetwear-Einflüsse. Die internationale Fashion Week ist ebenfalls gut für die Stadt.

Mode war früher, gefühlt, meistens ein Thema der jungen Menschen. Heute scheinen sich da die Generationen zu vermischen. Ein gutes Beispiel dafür ist Hipster-Opa Günther Krabbenhöft. Wie erlebt man diese Entwicklung?

Ring: Was ist jung – was alt? Mode ist für mich alterslos, eher eine Stilfrage. Trends sollten immer auf den individuellen Typ abgewandelt werden. Dies kann eine neue Farbe sein, ein cooler Schuh oder ein komplettes Outfit. Generell sind die „neuen Alten“ der Mode aufgeschlossener als dies noch vor 30 Jahren der Fall war. Wir legen alle mehr Wert auf uns und unsere äußere Erscheinung.

Fehlt in der Region eigentlich eine Mode-Party oder ein anderweitiges Event, das sich dem Fashion-Gedanken widmet?

Ring: Ich fand früher den langen Donnerstag als Service und Aktionstag wirklich toll. Auch das Moonlight-Shopping war super, da dort immer zeitgleich viele Aktionen stattfanden. Wir veranstalten in unseren Stores selbst einige kleine Modeevents über das Jahr verteilt für unsere Kunden. Eine große Fashion­veranstaltung für Braunschweig wäre sicherlich wünschenswert. Ansätze dazu bietet ja bereits der vom Stadtmarketing initiierte und vom Arbeitsausschuss Innenstadt Braunschweig (AAI) unterstützte organisierte modeundautofrühling.

Was sind in diesem Sommer die Must-haves?

Ring: Dieser Sommer steht ganz im Zeichen der Farb- und Stilkombinationen. Egal ob rot, pink, gelb oder grün: Neue Farben frischen die Mode auf. Neu und ganz gewagt ist es Farbe mit Farbe zu kombinieren. Zum Beispiel ein Pullover in Pink zur roten Hose. Hinzu kommt der Trend Natur, der viele Prints mit sich bringt. Von Blumen, Blättern, Gräsern bis hin zu Tiermotiven. Vor allem das Thema Blume findet sich schon sehr viel in den Stores und ist nahezu in jeder Kollektion vertreten. Der Einfluss aus Sport und Streetwear bleibt weiterhin nicht wegzudenken. Allem voran das Sweatshirt von lässig bis dekorativ.

Stil kommt bei einem Menschen „von innen“. Wie berät man da am besten?

Ring: Wenn der Kunde es wünscht, kann man immer gut beraten. Gute Beratung ist ein Service, der meist sehr gern von unseren Kunden angenommen wird – es ist ein Aufzeigen von Möglichkeiten. Tipps zum eigenen Typ, kleine Veränderungen und Ergänzungen, neue Farben, Schnitte – oder auch ein neuer Schuh. Ehrlichkeit ist hierbei natürlich wichtig. Wir möchten, dass der Kunde zufrieden und glücklich ist. Uns gerne weiterempfiehlt.

Sind in der derzeitig angebotenen Mode schon Themen wie Future Fashion, Smart Wearable und e-Textiles erhältlich?

Ring: Es gibt viele gute Ansätze – und in Berlin beispielsweise mit der „Fashion Tech“ eine Plattform, wo viele Dinge ange­stoßen und vorgestellt werden. In diesem Jahr wurde etwa ein alarmgesicherter Rucksack vorgestellt, der über eine App mit dem Handy verbunden ist und bei Diebstahl einen Alarm auslöst. Es wird viel an intelligenten Stoffen gearbeitet, die Daten der User übertragen können. LEDs werden in Bekleidung eingebaut, um Sichtbarkeit im Dunkeln zu zeigen, Mäntel werden beheizt und einiges mehr. Das sind alles Ideen und Versuche, die noch am Anfang ihrer Entwicklung stehen. Inwieweit dies später Bestandteil der „normalen“ Mode wird, wird sich zeigen.

Ihr Wunsch für eine modische Region?

Ring: Ein zukunftsfähiges Innenstadtkonzept. Dazu gehört eine lebendige Innenstadt mit Handel, Gastronomie, Kultur, Büros, attraktivem Wohnraum und viel Grün. Ein gesunder Mix zwischen individuellen Einzelhandelskonzepten sowie inter­national oder national agierenden Ketten. Dafür benötigen wir unter anderem Vermieter, die den Einzelhandel unterstützen und auch neue kreative Wege mitgehen. Die nicht nur auf das vermeintlich beste Angebot schauen. Wir müssen alle viel dafür tun, dass wir die digitalen Kanäle für uns nutzen und der „reine“ Online-Handel nicht die Innenstädte aussterben lässt. Denn: Das Geld kann nur einmal ausgeben werden.

 

 

Sind wir eine modische Region?

Nebel: Eine Region ist immer so modisch, wie es der Kunde zulässt. Bietet der Inhaber modische Laden, stylische Trends an – und der Endverbraucher kauft es nicht, dann wird sich der Einzelhandel besinnen und es etwas klassischer angehen lassen. Ich finde in jedem Fall, dass unsere Region definitiv modisch ist. Der kleine, inhabergeführte Einzelhandel hat sich ausgeweitet und kann damit natürlich andere Mode präsentieren als es vielleicht die großen Händler tun.

Was bedeutet Mode für Sie?

Nebel: Es wird immer die Trendsetter geben, die hinsichtlich der Mode den Ton angeben. Der, der sich mit Mode auskennt oder beschäftigt, der weiß schon, was ihm gut steht und wie er seinen Style zusammenstellt. Trends sind dabei immer wichtig – sie sind quasi eine Orientierungshilfe. Die, die sich gar nicht mit Mode auskennen, können sich in großen Häusern am „Mainstream“ orientieren.

Sind Sie schon immer modeaffin unterwegs?

Nebel: Mode hat mich schon immer beschäftigt, ich fand das Feld schon immer interessant. Ich bin seit rund 18 Jahren selbständig in Braunschweig. Natürlich ist es so, dass wenn man einkaufen geht und seine Stammkunden hat, denen der eigene Stil oder der im Laden gefällt – was ich für meine Kunden vorsortiere – dann empfinde ich das als Kompliment.

Profitieren Sie als Einzelhändler von digitalen Kanälen?

Nebel: Die Zeiten haben sich in der Hinsicht sehr gewandelt. Natürlich stehen klassische Anzeigen mit Blick auf Kanäle wie Instagram in einem ganz anderen Kontext. Anfangs habe ich mich damit auch etwas schwer getan, mittlerweile können wir unseren Kunden, unseren Followern, schnell und multimedial neue Themen aufbereiten. Und das ganz unaufdringlich: Der Kunde entscheidet, wann er sich auf der Plattform inspirieren lässt. Das funktioniert echt gut und macht daher wirklich großen Spaß.

Was würden Sie sagen: Hat sich die Herrenwelt mittlerweile modisch emanzipiert – oder inwiefern diktieren die Damen, was Mann trägt?

Nebel: Liebe Männer: Natürlich seid Ihr hinsichtlich der Mode emanzipiert. Natürlich meine ich die, die sich mit Mode beschäftigen. Die, die alleine losgehen – für sich ihren Style gefunden haben. Natürlich nicht diejenigen, die sich von ihrer Frau die Sachen morgens aufs Bett legen lassen. Diese Generation ist der Mode irgendwann einfach nicht mehr gewachsen. Auf der anderen Seite haben wir Kunden, die im Schrank mehr Schuhe haben als ihre Frau oder die Freundin. Die Herren kennen sich in der Regel aus und stehen den Damen dadurch in Nichts nach. Und das ist auch gut so.

Haben Sie eine Mode-Lieblingsstadt?

Nebel: Ich mag die Italiener. Die italienische Mode ist fas­zinierend, habe die auch selbst viel in meinem Geschäft. Die Sportswear ist cool – die Italiener sehen einfach immer lässig aus, wenn sie über die Straßen flanieren. Deshalb –egal ob Florenz, Verona oder Mailand: Sie können’s einfach. Da haben wir in Deutschland die vier Großen: München, Düsseldorf, Hamburg und Berlin. Unterschiedlicher könnten die Städte von der Aussage her nicht sein – die einen klassisch, die anderen crazy.

Mode war früher, gefühlt, meistens ein Thema der jungen Menschen. Heute scheinen sich da die Generationen zu ver­mischen. Ein gutes Beispiel dafür ist Hipster-Opa Günther Krabbenhöft. Wie erlebt man diese Entwicklung?

Nebel: Das sehe ich anders. Früher war es aus meiner Sicht eher so, dass die, die mit beiden Beinen im Leben stehen und ihr eigenes Geld verdienen, sich eher Mode leisten konnten. Da sind die jungen Leute eher etwas hintenübergefallen. Mittlerweile ist es eher so, dass es altersübergreifend ist. Mein Kundenkreis geht über 70 Jahre hinaus – und auch die sind sehr stylisch unterwegs.

Fehlt in der Region eigentlich eine Mode-Party oder ein anderweitiges Event, das sich dem Fashion-Gedanken widmet?

Nebel: Ich finde so Modepartys, das ist natürlich eine per­sönliche Sicht, sehr abgedroschen. Ich denke die Region hat genug Formate, Afterwork-Partys, Blauhaus, Sparkassen Open … da ist Fashion vorhanden. Da sind trendige Leute unterwegs, die machen die Veranstaltungen dann ganz von alleine zu einer Mode-Party. Setzen Trends durch ihre Outfits. Dafür benötigen wir keine gesonderte Reihe.

Was sind in diesem Sommer die Must-haves?

Nebel: Ich würde sagen, weiße Sneaker – egal ob für Damen oder Herren – funktionieren in diesem Sommer gut. Eine coole Jeans dazu sowie ein Polo-Shirt oder ein lässiges Hemd: Das ist mein Tipp.

Stil kommt bei einem Menschen „von innen“. Wie berät man da am besten?

Nebel: Es gibt sicherlich noch große Häuser, in denen die Beratung im Fokus steht. Unsere Kunden sind ausgesprochen gut informiert, kennen sich mit Fashion und Styles aus – wir stehen dabei natürlich immer beratend zur Seite. Und sei es mit einem Prosecco oder anderem Drink. Viele Kunden wissen genau, was sie suchen und was sie haben wollen.

Sind in der derzeitig angebotenen Mode schon Themen wie Future Fashion, Smart Wearable und e-Textiles erhältlich?

Nebel: Auch in der Mode gibt es neue Namen für neue Dinge. Bei mir ist es so: Ich kaufe schöne Dinge für meine Kunden ein – der entscheidet, ob er es haben möchte.

Ihr Wunsch für eine modische Region?

Nebel: Mein Wunsch ist ein steter inhaber­geführter Einzelhandel. Das wünscht sich auch der Kunde, kleine Geschäfte – eigene Nischen – viele schöne Dinge, die Begehrlichkeiten wecken.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Dieser Artikel erschien zuerst in der Stadtglanz Print-Ausgabe 7 / März 2018.

Jens Richwien

Ehemaliger Fußball-Profi und Freizeit-DJ (Richy Vienna), war über 20 Jahre für die neue Braunschweiger tätig. Die letzten drei Jahre begleitete er STADTGLANZ als Objektleiter und Chefredakteur. Er ist seit Oktober bei der Hygia Gruppe beschäftigt, betreut dort das B2B-Business und arbeitet
weiterhin als freier Redakteur.

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