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Wirtschaft

Freiräume erobern

Wie das Jugendzentrum Stöckheim einen eigenen, nachhaltigen Garten betreibt

Von Falk-Martin Drescher

(Fotografie: Andreas Rudolph)

Petra Kusatz und Claudia Siegel stehen im Garten des Jugendzentrums Stöckheim, unweit des Sportplatzes. „Wir befinden uns hier nicht in einem Kleingarten, sondern auf Grabeland“, beschreibt Kusatz. Einer der wesentlichen Unterschiede: Es gibt kein fließendes Wasser und auch keinen Strom. „Und die Regeln sind etwas lockerer, das ist natürlich praktisch für die Jugendlichen“, lacht Kusatz. Eigentlich ist in diesem Garten stets viel Trubel: Der Rasen wird gepflegt, die Bäume und Sträucher geerntet und alle Pflanzen gewässert. Doch Corona machte, zumindest bedingt, einen Strich durch die Rechnung. „Der Garten war fertig und dann ging es mit Corona los“, bedauert Siegel, die die Einrichtung des Jugendzentrums am Siekgraben leitet.

Unter strengen Regelungen dürfen seitdem nur einzelne Jugendliche oder Kleingruppen in den Garten. „Der Garten ist ein Ort, an dem die Jugendlichen sich einerseits entspannen, andererseits gemeinsam Erfahrungen sammeln können“, skizziert Kusatz, die das Jugendzentrum leitet. Seit dem Herbst 2017 wird der Garten dem Jugendzentrum von einem ehemaligen Besucher zur Verfügung gestellt. Er lag über viele Jahre brach; eine gute Nachricht, denn „so bot er für die naturbezogene pädagogische Arbeit mit den Jugendlichen optimale Voraussetzungen.“ Das Terrain wurde neu kultiviert und fleißig gepflegt. 2019 folgte ein weiterer wichtiger Baustein: Mit Unterstützung aus dem Jugendetat der Braunschweiger Bürgerstiftung wurde das alte, marode Gartenhaus abgerissen und mit starkem Einsatz der Jugendlichen durch eine neue Holzgartenhütte ersetzt. „Das Geld für den Abriss und den Neubau haben die Jugendlichen teilweise selbst erwirtschaftet“, so Kusatz.

Der Garten, er ist allen Beteiligten heilig. In Gemeinschaftsarbeit wurde unter anderem auch eine eigene Hausordnung formuliert, in der es etwa heißt: Kein Alkohol, keine Drogen sowie Rauchverbot. Die Leiterin des Jugendzentrums erläutert: „Die Jugendlichen haben sich diesen Raum erobert. Und es ist ihnen ausgesprochen wichtig, auf jenen gemeinsam aufzupassen.“ Aufpassen heißt natürlich auch, dass die Bäume, Sträucher und Pflanzen kontinuierlich gegossen und gepflegt werden. „Während des Lockdowns haben sie sich sogar abgesprochen, wer an welchem Tag zum Gießen vorbeikommt.“ Auch die Verarbeitung von Obst und Gemüse passiert in Zusammenarbeit: Aus der Ernte werden etwa auch Marmeladen sowie Säfte hergestellt. Auch legt das Jugendzentrum, etwa in Form von Workshops, Wert darauf zu vermitteln, was beispielsweise mit Lebensmitteln passiert, die nicht verwendet werden. Siegel: „Es ist uns grundsätzlich wichtig, die Jugendlichen an eine gesunde Ernährung sowie den Anbau von Lebensmitteln heranzuführen.“ Ein Thema, aktueller denn je. „Ernährung steht nicht in allen Familien im Fokus. Es gibt durchaus Kinder und Jugendliche, die etwa nur eine Obstsorte kennen oder viele Produkte noch nie in ihrer Ursprungsform gesehen haben.“

Seelisches Gleichgewicht im Auge behalten

In diesem Jahr sollte übrigens das neue Gartenhaus eingeweiht werden, die Vorfreude auf die Gartensaison 2020 war groß. Doch leider kam alles anders als erwartet. Durch die mit Corona verbundenen Regelungen durften keine Jugendlichen in den Garten und selbst das Jugendzentrum durfte nicht öffnen. Kurzerhand wurden viele Angebote „to go“ organisiert oder die Kommunikation über die sozialen Medien verstärkt. Trotzdem war es eine für alle angespannte Zeit. Kusatz dazu: „Viele haben in den Lockdown-Monaten die seelische Gesundheit der Jugendlichen vergessen. Dabei ist es so wichtig, darauf zu achten, dass sie ihr seelisches Gleichgewicht haben. Dass niemand auf der Strecke bleibt, ihre Ängste aufgefangen werden und ihnen Halt gegeben werden kann.“ Von den besonderen Umständen im Garten jedoch ließen sich die Beteiligten nicht unterbekommen. Das Team des Jugendzentrums hat in der Zeit das Gerätehaus aufgebaut, die Beete von Unkraut befreit und für die Aussaat vorbereitet. Ein weiterer Meilenstein in diesem Jahr war die Komposttoilette, die durch die Unterstützung durch den Löwen+ Fond der Braunschweigischen Landessparkasse finanziell ermöglicht wurde. „Durch die ‚Löwenstarke Förderung‘ können die Jugendlichen seit Mitte Mai nicht nur wieder in den Garten, sondern vor Ort endlich auch eine Toilette nutzen.“ Und mehr als das: Der Inhalt der Toilette wird schließlich als Dünger untergegraben.

„Gut Drauf“: Gemeinsame Werte leben

Dass die Toilette eine Kompostvariante und beispielsweise keine Chemielösung geworden ist, hat derweil einen wichtigen Grund: In dem Jugendzentrum wird nach den Werten von „Gut Drauf“ agiert. Die Zertifizierung richtet sich an Einrichtungen und Fachkräfte, die mit Kindern und Jugendlichen in unterschiedlichen Handlungsfeldern pädagogisch zusammenarbeiten. Ziel ist es dabei, gesundheitsgerechte Angebote und Strukturen in Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen nachhaltig zu verankern. Im Kern geht es um das Wechselspiel von ausgewogener Ernährung, ausreichender Bewegung und einem positiven Umgang mit Stress.

Das Jugendzentrum Stöckheim organisiert sich übrigens selbstständig – als Verein, ohne großen Träger. Die Mitgliedschaftsgebühr startet bei monatlich 50 Cent. „Wir wollen, dass auch die Jugendlichen schon dabei sein können“, so Siegel. Die jeweiligen Projekte werden durch das starke Engagement der Mitglieder sowie die Unterstützung durch Sponsoren und Förderprojekte realisiert, wie etwa durch den Löwen+ Fond. Einen nächsten großen Meilenstein haben die Beteiligten auch schon ins Auge gefasst. Kusatz: „Wir haben hier im Garten kein fließend Wasser. Sobald es uns finanziell möglich ist, wollen wir gern einen Brunnen installieren.“

Weitere Informationen zu der Arbeit des Jugendzentrums gibt es auf www.jugendzentrum-stoeckheim.de.

Infokasten Löwen+ Fond

Mit dem Löwen+ Fond erhalten Interessierte eine verantwortungsvolle und zukunftsgerechte Geldanlage. Das Portfoliomanagement des Fonds besteht aus ausgewiesenen Aktien- und Rentenexperten und hat seine Qualität durch zahlreiche Auszeichnungen unter Beweis gestellt. Die Braunschweigische Landessparkasse (BLSK) investiert dabei antizyklisch, dynamisch und risikodiversifiziert. Anlagestruktur und Strategie sind wichtiger als Stock-Picking. Substanz ist wichtiger als Wachstum. An alle Investments legt die BLSK objektive, transparente Nachhaltigkeitskriterien an. Dies macht die Bank durch unseren vierstufigen Auswahlprozess auch nach außen transparent.

Mit den Einlagen haben die Investoren dazu beigetragen, dass jährlich ein gewisser Betrag in nachhaltige Projekte und Initiativen im gesamten Geschäftsgebiet fließt. Durch die erste Ausschüttung in Höhe von ingesamt 8.000 Euro wurden mehr als ein Dutzend Projekte in der Region gefördert, darunter auch die Komposttoilette des Jugendzentrums Stöckheim. Weitere Infos gibt es auf www.blsk.de.

Falk-Martin Drescher

studierte Stadt- und Regionalmanagement und ist gelernter Quartiersmanager, engagiert sich selbst ehrenamtlich als Vorstandsvorsitzender des Braunschweiger Kultviertels. Im Medienbereich selbstständig, neben seiner journalistischen Tätigkeit als Konzepter, Moderator und im Bereich Influencer Relations aktiv. Mit dem The Dude-Newsletters (www.meett hedude.de) informiert er zudem jeden Montagmorgen über ausgewählte Events und Neuigkeiten aus der Region.