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Lifestyle

31. August 2023

Was läuft eigentlich gut?

Katastrophen ereignen sich schlagartig, sind aber zeitlich oder lokal begrenzt. Fortschritt ist langsam, findet aber auf breiter Front statt. Unser Gehirn ist darauf optimiert, schnelle Veränderungen wahrzunehmen. Alarmismus verkauft sich daher blendend. Aber was läuft eigentlich unbemerkt gut?

(Fotografie: AdobeStock / Sergey Nivens)

Neue Antibiotikaklasse in Sicht

Zu der Gruppe der gramnegativen Bakterien gehören etliche Bakterien, die gegen herkömmliche Antibiotika immun geworden sind und daher eine wachsende Gefahr darstellen. Seit über 50 Jahren ist keine neue Antibiotikaklasse mehr entdeckt worden, die gegen gramnegative Bakterien wirkt und klinisch eingesetzt wird. Der letzte Erfolg waren die Fluorchinolone, von denen der erste Vertreter 1979 patentiert wurde. Diese Substanzen blockieren die Synthese der Erbsubstanz DNS bei Bakterien, nicht aber die bei Menschen.

Es ist nun gelungen, den Wirkmechanismus des Antibiotikums Albicidin aufzuklären, das ebenfalls die DNS-Synthese der Bakterien blockiert, das aber auf komplett andere Weise (https://www.nature.com/articles/s41929-022-00904-1). Albicidin und dessen Wirkung sind seit 1980 bekannt, der Wirkmechanismus war aber unbekannt, was die Entwicklung von Medikamenten aussichtslos erscheinen ließ. Die Aufklärung der Wirkungsweise eröffnet nun den Weg, das Albicidin gezielt so zu verändern, dass es als Medikament gegen fluorchinolonresistente Bakterien einsetzbar wird. Die Chancen stehen gut, damit in Zukunft zehntausende Tote weltweit durch Infektionen mit multiresistenten Keimen zu verhindern.

Neue Kraftwerkskapazität fast ausschließlich CO2-frei

Die Stromerzeugung wird weltweit zunehmen, aber die Zunahme wird – laut der Vorhersage der angesehenen Internationalen Energie-
Agentur – zu 90% aus CO2-freien Energiequellen kommen und die Verstromung von Kohle und Erdöl wird abnehmen (https://www.iea.org/news/low-emissions-sources-are-set-to-cover-almost-all-the-growth-in-global-electricity-demand-in-the-next-three-years).

Der Hauptgrund dafür ist (nein, keine Straßenkleber, sondern) der Preis: Die Kosten pro erzeugter Kilowattstunde sind in dem meisten Ländern geringer als die bei der Nutzung fossiler Energieträger. Solarpaneele und Windkraftanlagen beispielsweise sind im Preis durch Massenfertigung und kontinuierliche Verbesserungen billiger geworden, der Preis für fossile Energieträger gestiegen. Zudem enthalten die meisten Elektrizitätsnetze noch genug regelbare (meist fossile) Kraftwerke, um die fluktuierende Stromerzeugung der Erneuerbaren ausregeln zu können. Die Welt ist bereits am Wendepunkt hin zur CO2-armen Stromerzeugung.

Wundheilung mit Kaltplasma

Wunden, die nach 12 Wochen noch nicht geheilt sind, werden als chronische Wunden bezeichnet. Sie sind bislang schwer zu behandeln, weil sie oft Folge einer anderen Erkrankung sind, beispielsweise Diabetes oder Venenschwäche. Chronische Wunden betreffen ca. 1% der Bevölkerung und führen zu einer deutlichen Einbuße an Lebensqualität, dem dauerhaften Risiko einer Infektion und zu häufigen (und damit teuren) Behandlungen.

Es hat sich gezeigt, dass chronische Wunden überraschend effektiv mit Kaltplasma behandelt werden können. Ein Kaltplasma ist ein Gas, das zumindest teilweise ionisiert ist. Die Atome oder Moleküle des Gases sind also von einem Elektron getrennt worden. Diese Ionisierung wird aber nicht durch hohe Temperaturen verursacht (wie in der Sonne), sondern durch ein kurzes (ungefähr eine millionstel Sekunde), starkes elektrisches Feld.

Durch das Plasma bilden sich Substanzen, die Bakterien und Viren abtöten, menschliche Zellen jedoch verschonen. Zudem stimuliert Kaltplasma die Regenation von Haut. Die Anwendung von Plasmastrahlen ist seit längerem in der Forschung bekannt. In einer Studie mit Patienten, deren Wunde seit 3 Jahren (!) offen blieb, wurden über 80 % innerhalb von einem Vierteljahr geheilt (https://plasmaderm.de/besserer-heilungsverlauf-fuer-chronische-wunden/). Bereits existierende Kaltplasmatherapiegeräte müssen nun noch den Weg durch den Bürokratie-Dschungel finden (gegen den bislang keine Therapie angeschlagen hat).

Lachs- und Kabeljauzucht mit Luft und Strom

Eine steigende Weltbevölkerung mit steigendem Einkommen hat beständig mehr Appetit auf Fisch. Da große Teile der Weltmeere überfischt sind oder am Rande der Belastbarkeit stehen, nimmt die Produktion von Fisch in Fischfarmen zu. Dieser Fisch wird bislang aber meistens mit Fischmehl gefüttert. In Sines (Portugal) wird im Moment eine Fischfarm an Land gebaut, die zum Betrieb (fast) nur Luft und Strom benötigt.

Mit (Solar-)Strom wird Wasserstoff erzeugt und zusammen mit dem CO2, das die Fische beim Atmen erzeugen, natürlich vorkommenden Bakterien in einem Fermenter zugeführt. Bakterien bauen daraus Biomasse auf, die zu einem sehr hohen Anteil aus Protein besteht. Die Bakterien werden abgetrennt, getrocknet und an die Fische verfüttert. Nach Fertigstellung soll die Fischfarm jährlich 2000 t Fisch erzeugen (https://maikenfoods.com/).

Wachsende Nashornbestände

Vor 1500 lebten Millionen Nashörner auf der Welt. Das Südliche Breitmaulnashorn stand 1900 vor dem Aussterben mit gerade noch 20 Exemplaren. Intensiver Schutz hat dazu geführt, dass sich die Bestände auf über 20.000 im Jahr 2012 erholt hatten. Durch zunehmende Wilderei sinken die Zahlen seitdem wieder, im Moment sind es ca. 16.000 (https://ourworldindata.org/rhino-populations).

Dass der Kampf gegen Wilderei gewonnen werden kann, zeigt Uganda, wo das nördliche Breitmaulnashorn und das Östliche Spitzmaulnashorn 2000 ausgerottet waren. 2005 begann die Wiederansiedlung, im Moment leben wieder 32 Nashörner in Uganda. Um Wildtiere zu schützen geht Uganda rigide strafrechtlich gegen Wilderer vor. So erhielt 2022 ein Elfenbeinhändler eine lebenslange Haftstrafe (https://www.reuters.com/world/africa/uganda-court-hands-life-sentence-man-caught-with-elephant-ivory-2022-10-21/), der Tod eines Berggorillas wurde mit 11 Jahren Haft geahndet. Wer Länder, die ihre Wildtiere schützen, helfen will, kann dies gut durch eine Reise tun und so zeigen, dass sich Wildtierschutz auch finanziell lohnt. Auf nach Uganda, Südafrika, Namibia, Eswatini oder Kenia!

Dieser Artikel erschien zuerst in der Stadtglanz Print-Ausgabe 27 / Sommer 2023.

Dr. Jan Plöger

Dr. Jan Plöger wurde in Franken geboren, hat in Hannover studiert und in München gearbeitet, bevor er sich vor 12 Jahren für Braunschweig entschied.

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