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Kultur

„Lassen sie uns über Kunst sprechen“

Ein wichtiger Teil der Bildung geht verloren

Von Frank Schildener

(Fotografie: Marek Kruszewski)

Dr. Andreas Beitin, dem Direktor des Kunstmuseum Wolfsburg, hört man gerne zu. Seit etwas mehr als einem halben Jahr leitet er das Haus. Der Mann lebt Kunst und Museum, das ist bei unserem Besuch zu spüren. Wir sprechen mit ihm unter anderem über den Bildungsbeitrag „seines“ Museums und über Ausstellungsprojekte.

„Ich fühle mich sehr gut angekommen“

berichtet der 51- jährige Kunsthistoriker, der in den letzten Jahren mehrere Preise für Kuration, für die beste Ausstellung und das beste Museum eingeheimst hat. Die Vernetzung in der Region funktioniere gut, sagt er, aber er sieht den Bildungsbetrieb ganz allgemein kritisch: „Es gibt immer weniger Kunst- und Musikangebote in den Schulen“, bemängelt er und ergänzt: „Da geht ein wichtiger Teil der Bildung verloren“.

Das Kunstmuseum Wolfsburg hat schon sehr früh junge Menschen in seine Arbeit eingebunden. „Das Art Mobil bringt seit 2002 Schüler aus dem Braunschweiger Land in das Kunstmuseum“, berichtet Beitin. Das Art Mobil, ein Bus, bringt inzwischen auch Senioren in das Museum und ermöglicht ihnen, gemeinsam mit anderen, kulturelle Teil­-habe zu erleben. „Inklusion und Teilhabe ist ein wichtiges Thema für uns“, sagt er. Derzeit werde gemeinsam mit dem Herzog Anton Ulrich Museum in Braunschweig eine Broschüre in einfacher Sprache entwickelt. „Wir möchten darin erklären, was ein Museum ist und was es macht“, erklärt er.

Eine bemerkenswerte Ausstellung, die im Kunstmuseum Wolfsburg noch bis in den Januar zu sehen ist, haben junge Menschen selbst entwickelt. „Inside-Out. Konstruktionen des Ichs“ widmet sich dem Thema Selbstfindung von Jugend­lichen. Das Konzept und die Inhalte hat der wissenschaftlich-kuratorische Nachwuchs des Museums gemeinsam mit 14- bis 17-Jährigen entwickelt. „Die Schülerinnen und Schüler haben sehr engagiert gearbeitet. Das war toll“, schwärmt Beitin. „Es war großartig, zu sehen, wie die Jugendlichen bei der Eröffnung ihre Kunst und ihre Konzepte vorgestellt haben“, fügt er hinzu. Die Jugendlichen kommen aus den rund 50 Schulen, mit denen das Museum koopereriert.

Was erwartet den Museumsbesucher in Wolfsburg in Zukunft?

„Ich freue mich, mein erstes eigenes Ausstellungsprojekt auf den Weg zu bringen“, berichtet der Direktor. Für die Schau „data-verse“ des japanischen Künstlers Ryoji Ikeda wird die Ausstellungshalle in eine riesige Blackbox verwandelt. Zwei riesige Installationen gibt es zu sehen, die sich visuell und akustisch mit der fortschreiten­den Digitalisierung der Gesellschaft befassen. „Im kommen­den Jahr präsentieren wir gleichzeitig zwei abstrakte fotografische Positionen“, erklärt er dann. Die 83-jährige Amerikanerin Barbara Kasten ist das erste Mal überhaupt in einem europäischen Museum zu sehen. Inhaltlich passend dazu werden in einer zweiten Schau Werke des Düsseldorfers Ulrich Hensel gezeigt. Um das, was künstliches Licht mit uns und der Gesellschaft macht, wird es in „Macht! Licht!“ gehen. Allzu viel dürfen wir dazu an dieser Stelle noch nicht verraten. Nur so viel: Der Besuch lohnt sich. Der unsrige war viel zu kurz.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Stadtglanz Print-Ausgabe 14 / Dezember 2019.