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Sport

14. Januar 2026

Es geht um Liebe

Der Mensch Heiner Backhaus – und wie der Ruhrpott-Philosoph die Eintracht packt

Von Timo Grän & Sven Froberg

Fotografie: Marc Stantien / Eintracht Braunschweig

Sven Froberg, ehemaliger Sat1-Sportchef, traf zusammen mit Herausgeber Timo Grän den neuen Trainer von Eintracht Braunschweig, Heiner Backhaus. Der Pokalabend gegen Stuttgart elektrisierte eine ganze Region – und zeigte, wofür Heiner Backhaus steht: klare Idee, hohe Taktung, ehrliche Führung. Ein Gespräch mit dem „Ruhrpott-Philosophen“ über Daten und Demut, Druck und Dankbarkeit – und darüber, warum Folgen oft schwerer ist als Führen.“

Der Abend, der die Region elektrisierte

Es gibt Spiele, die mehr sind als 90 Minuten. Das Pokalduell Eintracht Braunschweig gegen den VfB Stuttgart war so ein Abend: Stadion voll, die Stadt unter Strom, Gespräche an Tankstellen und Küchentischen, auf der A39 noch Stunden später ein Summen wie nach einem Gewitter. Heiner Backhaus, erst kurz im Amt, trifft Entscheidungen, die nicht nach Verwaltung, sondern nach Mut riechen: höher anlaufen, dem Favoriten die Ruhe nehmen, die Aufbauspieler unter Druck setzen, die Zweikämpfe als Signal – und nicht als Risiko – verstehen.

„Ich brauche auf dem Platz eine Idee, nicht drei.
Ein Plan B schwächt Plan A, wenn er zur Ausrede wird.“

Backhaus setzt auf ein Prinzip, das er später im Gespräch immer wieder streift: Klarheit schlägt Komplexität. „Elf Spieler, eine Idee“, sagt er. Kein romantischer Fußball, sondern eine handwerkliche Setzweise: Pressen, nochmal pressen, Räume verdichten, Wege verdoppeln. Nicht spektakulär der Form halber, sondern weil Spektakel die Folge von Konsequenz ist. Der Plan trägt – und er trägt weiter als bloß bis zum Abpfiff. „Das hat hier was mit der Region gemacht“, merkt Sven Froberg schmunzelnd an und es ist dieser Satz von Backhaus, der hängen bleibt: Fußball als Katalysator für Selbstbild.

Arbeit an der Schwelle – Backhaus’ Trainingssprache

In den ersten Wochen lässt Backhaus laufen – nicht als Konditionsdogma, sondern als psychologisches Format. Positionsgruppen gegeneinander, Intervalle enger, Laktat zweitrangig: „Ich brauche immer einen Gegner.“ Dahinter steckt der Versuch, Haltung messbar zu machen. Backhaus sortiert, nicht nach Namen, sondern nach Reaktion in Stressmomenten. Die, die bleiben, sind die, die folgen – nicht blind, sondern weil sie spüren, dass da einer vorangeht, der etwas zurückgibt: besser werden als Spieler, reifer werden als Mensch.

„Ich bin zu 110 % Psychologe.“

Die Kabine wird für Backhaus zum Seminar für Verantwortlichkeit. Er differenziert zwischen Vertrauen („passiv, ich verlasse mich auf dich“) und Verantwortung („aktiv, ich antworte für dich“). Disziplin ist dabei kein Selbstzweck, sondern Logistik für Leistung. „Mannschaft ist mehr als die Summe ihrer Einzelspieler“ ist bei ihm kein Wandtattoo, sondern Tagesordnung: Laufwege statt Laufbilder, Wiederholungen statt Variationen um der Variation willen.

„Daten sind ein Rückspiegel.Sie erklären die Vergangenheit, aber sie fühlen nicht die Kabine"

Daten? Ja. Aber die Interpretation der Bewertung nur durch Menschen.

Backhaus hat nichts gegen Zahlen – aber gegen was sie aus Menschen machen, wenn man sie absolut setzt. „Daten sind ein Archiv“, sagt er. Sie helfen beim Argument, nicht beim Urteil. Die Bewertung eines Trainers allein über Kennziffern nennt er „anmaßend“. Warum? Weil Zahlen viel erfassen, aber nicht das, was eine junge Mannschaft wie Braunschweig in einer Übergangsphase prägt: Teamfähigkeit, Widerstandsfähigkeit, Kommunikation, Energie. Backhaus’ Pointe ist nicht anti-modern, sie ist anti-Reduktion: Daten stützen Hypothesen, aber sie ersetzen keine Gegenwartserfahrung in der Kabine. Entwicklung bleibt ein subjektiver Akt – geführt von Menschen, verantwortet vor Menschen.

Führungsstil: klar, konkret, konsequent

„Folgen ist oft schwerer als führen“, sagt Backhaus. Folgen heißt in seiner Lesart: Regeln akzeptieren, die größer sind als man selbst. Der Trainer wiederum hat die Pflicht, diese Regeln transparent zu machen. Er lobt öffentlich sparsam, fordert präzise und früh – und scheut unangenehme Sätze nicht, wenn sie ehrlich sind. Entscheidungen trifft er nicht gegen Biografien, sondern mit Blick auf sie: Kommt ein Spieler aus einem Patriarchat? Ist er Einzelkind? Hat er eine Familie zu tragen? „Wer du bist, prägt, wie du spielst – und wie ich mit dir arbeite“, sagt Backhaus. Das ist keine Sozialromantik, es ist Trainingsökonomie. Sein Blick auf Selbstliebe: „Du musst dich selbst lieben, um andere zu lieben“ – für ihn mehr als ein Satz, sondern Leitmotiv, das er auch seinen Spielern weitergeben will.

Philosophie für den Platz

Zurück auf dem Grün verdichtet sich alles zu drei Sätzen:

Eine Idee ist mehr wert als drei Pläne. Plan B schwächt Plan A, wenn er zur Alibiversicherung wird.

Quantität und Qualität der Sprints entscheiden Spiele. Fußball bleibt Dienstleistung ohne Ball – und Mut in der einen Minute mit Ball.

Erziehung durch Erwartung. Wer mehr zutraut, erntet mehr: Der Applaus gilt dem riskanten Pass in die Tiefe, nicht dem Sicherheitsquerball.

„Für mich ist eine Beziehung belastbar, wenn sie ehrlich ist."

Aachen, Wunden, Lernen

Seine Zeit in Aachen – der Stachel sitzt tief: große Nähe, später Bruch, öffentlicher Streit, Shitstorms. Backhaus spricht davon ohne Bitterkeit, aber mit Klarheit. Er habe gelernt, Abschiede aktiv zu gestalten, Kommunikation nicht aus der Hand zu geben. Für Braunschweig zieht er daraus eine Pflicht: Prozesse erklären, Reibung aushalten, die Fans mitnehmen – und am Ende sauber auseinandergehen, wenn es soweit ist.

„Ich liebe Deutschland – Ordnung, Freiheit, Verlässlichkeit."

Deutschland, Zypern und Holland,der Blick nach außen Backhaus liebt Deutschland – ohne Nationalkitsch. Er schätzt Ordnung, Gesundheitswesen, die Freiheit, die er erlebt. Er liebt auch Zypern und bewundert Hollands Offenheit und Innovationslust, erzählt von Seefahrt und Handel als kultureller DNA. Diese Exkurse sind keine Abschweifungen, sie sind sein Raster: Verständnis wächst aus Geografie, Geschichte, Gewohnheit.

Der Übergang: vom Stadion ins Leben

Wer Backhaus nur auf den Trainer verengt, verpasst die Folie, auf der seine Sätze liegen. Er blickt weit über den Rasen. Seine Faszination für Geschichte – DDR, Mauer, die Wende – ist nicht Nostalgie, sondern Schule der Perspektive. Vier Jahre Zypern (Süden) und ein halbes Jahr im Norden: derselbe Konflikt, zwei Erzählungen. „Wer hat recht?“ ist für ihn die falsche Frage; die richtige lautet: „Was hat dich geprägt?“ Erst wer Prägung versteht, kann Verhalten einordnen. Das gilt für Gesellschaft – und für Kabinen.

Demut als Antiserum

Backhaus erzählt ungeschminkt vom Tiefpunkt: Hartz-IV-Übergang, Kreditkarte mit 100 Euro Restlimit, Verletzungen, Probetraining am letzten Tag des Transferfensters, der Weg über Saudi-Arabien als Puffer. Diese Passagen sind keine Heldenmythologie, sie erden. Demut definiert er als „völlige Abstinenz von Arroganz“. Der Job hebt ihn finanziell – nicht moralisch.

Familie, Liebe, Alltag

Privat ist Backhaus minimalistisch und klar. Wenige enge Menschen, viel Alleinsein, eine Partnerin mit festen Werten. Glück misst er in Eckbänken, nicht in Leasingraten; in Zeit mit den Kindern, nicht in Quadratmetern. „Der Weg ist das Ziel“ ist bei ihm nicht Kalenderspruch: Die Reise im alten Wohnmobil (Anm. d. Red.: 40 Jahre alt) nach Italien dauert drei Tage – und wird zum Sinn. Zuhause ist dort, wo Ehrlichkeit nicht verhandelt wird. Für Backhaus ist Glück keine große Bühne, sondern „Zelten mit der Familie“ oder das einfache Abendessen mit Freunden. Backhaus ist bekennender Fan von Roland Kaiser und Nena. Musik ist für ihn Ventil und Erinnerungsträger – Konzerte sind Momente, in denen er loslassen kann. Ein Gegenentwurf zum lauten Fußballgeschäft.

Sein Vater half Arbeitslosen und Migranten mit Steuererklärungen – unbezahlt, aus Überzeugung. Diese Haltung hat Backhaus geprägt: Arbeit als Dienst an anderen, nicht nur am eigenen Konto. Eine Episode aus seiner Jugend erzählt viel über seinen Charakter: Von seinem Vater bekam er als Teenager jeden Tag fünf D-Mark für den Lebensunterhalt. Heiner sparte dieses Geld, oft auf Kosten eines Mittagessens oder einer Busfahrkarte – bis er sich schließlich ein Paar der legendären Predator-Fußballschuhe leisten konnte. Ein Symbol dafür, wie stark er von klein auf Disziplin mit Zielstrebigkeit verband.

Und fast nebenbei fällt eine weitere Anekdote: Heiner wuchs nur wenige Minuten entfernt von Alexandra Popp, der späteren Weltklassespielerin des VfL Wolfsburg, auf. Beide kennen sich aus dieser Zeit – eine Nachbarschaft, die sich nun in der Region 38 wiederholt.

Engagement ohne Kamera

Es gibt Episoden, die er fast wegwischt – vielleicht, weil sie ihm zu persönlich sind. Ein Besuch auf der Kinderkrebsstation, eine Glatze als stilles Zeichen, Hilfe ohne Presse. Kein moralisches Konto, eher die Erinnerung daran, was zählt, wenn Ergebnisse nicht zählen: Gesundheit, Beziehung, Dankbarkeit.

Ich habe zweimal ganz unten gesessen – und mich nicht schlechter gefühlt als heute. Das relativiert vieles.“

Und jetzt?

Backhaus weiß, dass Erfolg relativ ist. In Aachen bedeutet er Aufstieg und Pokal, in Braunschweig kann er „Mittelfeld“ heißen – und dennoch groß sein, wenn er auf Entwicklung baut. Der Trainer will nicht sich erzählen, sondern einen Prozess: Hochleistung als Kultur, nicht als Kampfschrei. Die Pokalnacht gegen Stuttgart war dafür die erste laute Zeile. Der Text, an dem er schreiben will, ist länger.

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