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Lifestyle

7. Dezember 2021

Stop! This! Foolish! Discussion!

Chancengleichheit ermöglicht Nachhaltigkeit, Gleichmacherei stört.

Von Dr. Ralf Utermöhlen

(Foto: fotolia/Rawpixel.com)

Diversity

Menschen trotz ihrer Unterschiede und trotz gegebenenfalls vorhandener anderer Ausgangssituation fair
entgegenzutreten und ihnen
ähnlich gute Chancen einzuräumen,
wie Menschen, deren Ausgangssituation vorteilhafter war, ist eine der Säulen der Nachhaltigkeit.

„Ähnlich gute Chancen einräumen“ heißt nicht, „bevorzugen“ – Nachhaltigkeit sollte nichts mit falsch verstandener Bevorzugung
zu tun haben.

Qualifikation und die Fähigkeit, etwas zu leisten, sollten stets den Ausschlag bei der Auswahl einer Person für eine Aufgabe geben – aber die Möglichkeiten eines Nachteilsausgleichs oder eines Entgegenkommens zu erwägen, um die Bedürfnisse einer Person mit besonderer Ausgangs­situation zu treffen, das ist gemeint. Leider habe ich oft den Eindruck, dass Chancengleichheit vielerorts mit Gleichmacherei durcheinander gebracht wird. Das Thema Frauenrechte beziehungsweise Gender-­Mainstreaming ist für mich ein enervierendes Beispiel.

In zwei Gremien, in denen ich mitwirke, wurde in den letzten Jahren mehrfach versucht, die sogenannte „Frauenquote“ zu erhöhen. Einmal haben wir uns extrem den berühmten Allerwertesten aufgerissen, der Erfolg war trotzdem mäßig. Als ich mit einer Bekannten darüber sprach, dass mehrere geeignete Kandidatinnen am Ende angesichts der üblichen Tageszeiten für Sitzungen und angesichts ihrer bestehenden Verpflichtungen am Ende sinngemäß sagten: „Nein, zu der Zeit möchte ich für meine Familie da sein!“ kommentierte das meine Bekannte sinngemäß wie folgt: „Ja, Männer machen das, die haben halt keinen Haushalt zu versorgen!“ Ist das wirklich so? Im Einzelfall mag das stimmen, ich betrachte die Angelegenheit jedoch von ihrer anderen Seite.

„Ja, Männer machen das, die haben halt keinen Haushalt zu versorgen!“

Es gibt halt Unterschiede zwischen Menschen. Frauen sind anders als Männer. Jemand, der im vorderen Orient oder in Asien aufgewachsen ist, hat andere Sichtweisen als ein Mitteleuropäer. Jemand der in sozial prekären Verhältnissen aufwuchs, sieht die Welt anders als jemand mit gutbürgerlicher Herkunft. Wer schwul ist, fühlt sich anders als viele Heteros, weil er stets zu einer Minderheit gehörte – wenn diese auch größer ist als viele vermuten. Wer eine andere Hautfarbe hat, als die autochthonen Menschen in dem Land, in welchem er lebt, fühlt sich ebenfalls anders. Um Missverständnissen vorzubeugen:

Diese pauschalisierenden Aussagen gelten sicher nicht in jedem Einzelfall, aber für die Mehrheit der jeweiligen Gruppen ganz gewiss.

Wir sind seit der Steinzeit genetisch wenig verändert, wir sind „Mammutjäger in der Metro“ wie der Titel eines populärwissenschaft­lichen Buches aus den 1990er-Jahren es witzig auf den Punkt brachte. In der Steinzeit waren Männer meist Jäger, Frauen meist
Hüterinnen. Dass man in der heutigen Gesellschaft die Rollen auch
tauschen kann, ist völlig unbestritten, aber meine Beobachtung ist,
dass häufig (eindeutig nicht immer!) auch hoch begabte weibliche Führungskräfte in bestimmten Situationen familiären und häuslichen Situationen die Priorität vor beruflichen Aspekten einräumen, während es viele Männer in Kauf nehmen, sehr spät am Abend nach Hause zu kommen und bestimmte häusliche Dinge nicht erledigt zu haben, aber dafür noch zwei Sitzungen und einen Kundentermin drangehängt haben. Ich habe lange überlegt, wie ich diese Passage formuliere, ohne reaktionär oder übermäßig konservativ verstanden zu werden und höre dennoch schon den Sturm der Entrüstung.

Herrschaften, … Entschuldigung, Frauschaften, es gibt Unterschiede! Ich glaube, dass die Wirkmacht biologischer Unterschiede stärker ist, als die politischer Theorien oder soziologischer Wünsche.

Frauschaften, es gibt Unterschiede!

Ich bin der festen Überzeugung, dass wir unseren Blick stärker darauf lenken sollten, Chancengleichheit zu ermöglichen, ohne Unterschiedlichkeiten zu ignorieren. Chancengleichheit heißt für mich, dass nicht jemand den Job nicht bekommt, weil er eine Frau oder farbig oder ein Muslim ist. Chancengleichheit heißt aber nicht, dass jemand ungeachtet der Befähigungen anderer Bewerber den Job bekommt, weil er zu einer Gruppe gehört, die im jeweiligen Umfeld bislang wenig vertreten ist. Es wäre doch auch eine Tragik, wenn eine ideal geeignete Frau oder ein Manager eindeutig nicht mitteleuropäischer Herkunft mit der unausgesprochenen Konotation „Ach, das ist die Quotenfrau“ beziehungsweise „Das ist der Quotenausländer“ bewertet würde – für mich wäre genau das eine nicht ausreichende Chancengleichheit, ich gehe davon aus, dass jede Stelle durch eine Person besetzt wird, die am geeignetsten ist, unabhängig von jedem anderen Kriterium.

Beginnt Ausgrenzung nicht schon da, wo Unterschiedlichkeit überhaupt erwähnenswert ist?

Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass in vielen Nachhaltigkeitsberichten im Kapitel „Diversity“ im gleichen Abschnitt über Frauen in Führungspositionen, Behinderte und Anzahl an Nationen in den verschiedenen Hierarchieebenen berichtet wird? Wie kommt man dazu, diese Themen in einem Kontext zu sehen? Wenn wir Unterschiedlichkeiten nicht akzeptieren und durch politische oder gesellschaftlich vereinbarte Quoten versuchen auszumerzen, dann müssten wir versuchen, durch ein Gesetz dafür zu sorgen, dass im 100m-Endlauf bei den Olympischen Spielen drei Plätze für weiße Läufer reserviert werden.

Ich habe bei der Akzeptanz von Unterschieden im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung ganz andere Gedanken. Wenn Banken und Sparkassen ein „Bankkonto für jedermann“ – also auch für den Mittellosen, den Abgestürzten – ermöglichen und man nicht erst ein Einkommen nachweisen muss, um ein Konto zu bekommen, dann hilft das vielen. Wenn der oder die Alleinerziehende den Job bekommt, obwohl er/sie stets um 15:00 Uhr sein/ ihr Kind abholen muss und das Unternehmen das Arbeitsumfeld und die Termine darauf ausrichtet – das ist Chancengleichheit. Wenn durch gut strukturierte Projekte in LDCs (least developed countries – das sind immerhin 48 Länder mit besonders verwundbaren, instabilen Gesellschaften, in denen das BNE pro Kopf im Dreijahres-Durchschnitt weniger als 992 US-$ betrug) Schulbildung für Kinder und Jugendliche ermöglicht wird, die den Menschen eine Perspektive gibt, das ist nachhaltig. Neulich las man ja, dass Entwicklungshilfe mancherorts kritisch gesehen wird, weil die Motivation, die Heimat in Afrika zu verlassen, zunächst steigt, wenn das Einkommen mehrere 1000$ pro Jahr beträgt und erst dann die Bleibeperspektive gesehen wird, wenn das Einkommen über 10.000 $ erreicht hat.

Ja herrje – dann sollten wir dabei helfen, diese Kurve schneller zu durchlaufen, damit die Migration reduziert wird – aber wir können doch nicht ernsthaft sagen „dann lassen wir die möglichst arm und dumm, damit sie nicht auf die Idee kommen, eine Perspektive zu entwickeln“.

Die soziale Dimension der Nachhaltigkeit ist die „andere Seite“ des Themas nachhaltige Entwicklung, die neben den ökologischen Wirkungen jeden Handelns berücksichtigt werden muss, um zu einem nachhaltigen Gesellschaftsmodell zu gelangen. Dazu gehört nicht nur eine intakte und lebenswerte Umwelt mit ihren umfänglichen und funktionsfähigen Ökosystemleistungen, sondern auch soziale Strukturen, die ein lebenswertes Leben erst möglich machen - diese Formulierung wähle ich wohlwissend, dass „lebenswert“ in unterschiedlichen Kulturen und Generationen durchaus sehr verschieden definiert werden kann.

Die Fähigkeit, einen eigenen Lebensplan zu entwerfen und umzusetzen, gehört für fast alle Menschen zur unbedingten Definition. Unterschiedlichkeiten zu akzeptieren, ohne zu verhindern, dass ehrbare Menschen ihren Lebensplan (solange dieser im Einklang mit den Grundpfeilern der jeweiligen Gesellschaft steht) entwerfen und umsetzen können, ist für mich der wesentliche Anspruch in diesem Themenfeld.

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