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Kultur

23. Februar 2021

In aller Munde - Kunstmuseum Wolfsburg

In der aktuellen Ausstellung des Wolfburger Kunstmuseums dreht sich alles um das Spektrum des Oralen

Von Katharina Derlin

(Fotografie: Kemang Wa Lehulere)

Der Mund ist mit seinen Lippen, Zunge und Zähnen – buchstäblich – eine reizvolle Körperzone: Sprache, Schmerz und Schrei, Essen, Schlingen, Speien und Spucken, Lust und Leidenschaft. In aller Munde ist die umfassendste Kunstausstellung rund um das Orale, die es bisher in Deutschland gab. Die Besucher*innen des Kunstmuseum Wolfsburg können auf dem abwechslungsreichen Themenparcours der Schau die komplette emotionale Bandbreite erfahren. Mit Werken unter anderem von Hieronymus Bosch, Albrecht Dürer, Max Klinger, Pablo Picasso, Louise Bourgeois, Marina Abramović und Andy Warhol zeigt das Kunstmuseum rund 150 Exponate von der Antike bis zur Gegenwart.

In der 1.800 Quadratmeter großen Ausstellungshalle des Kunstmuseum Wolfsburg bieten in einer eigens konzipierten Architektur, die einen abstrahierten Mundraum darstellt, Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen, Installationen und Videos einen beeindruckenden Überblick über das Spektrum an Visualisierungen rund um das Orale. Das ältestes Exponat der Schau ist eine altägyptische Bronzefigur, welche die stillende Göttin Isis mit Harpokrates (7.-6. Jh. v. Chr.) darstellt.

Mehr als zweitausend Jahre später interpretiert Pieter Bruegel d. Ä. die Mundhöhle ganz anders: In der berühmten Versuchung des heiligen Antonius öffnet sich im Kopf die Hölle. Die Vorstellung des Höllenportals als feuerspeiender Schlund, der ins Erdinnere führt, geht auf das Alte Testament zurück.

Zahlreiche Werke kreisen um den Zahn: Ob die niederländische Darstellung eines Zahnziehers auf einem öffentlichen Markt von Jan Steen aus dem 17. Jahrhundert, in Szene gesetzte Zahnprothesen von Arman, regelrechte Zahnlandschaften von Mithu Sen oder Zahnschmuck wie der für die Hip-Hop-Kultur typische „Grill“: Zähne bestimmen unseren Lebenszyklus – vom ersten bis zum letzten Zahn.

Aggressive Münder und Monstermäuler ziehen sich wie ein roter Faden durch die Kunstgeschichte – Kuratorin Uta Ruhkamp hat sich diesem Thema in einer umfassenden Recherche gewidmet und die verschiedenen Narrative zusammengetragen: „Der Kinderfresser holt die Unartigen, der Werwolf vergreift sich an allen, Saturn verspeist seinen Sohn, nur Jona wird vom großen Fisch verschluckt und wieder ausgespuckt“, erzählt sie. Der blutsaugende Biss ist die Kerntat des Vampirs, bis heute ein Leitmotiv in Literatur, Film und Kunst – berühmt verewigt im „Todesbiss“ bei Edvard Munch. Dem gegenüber steht im Kunstmuseum Wolfsburg dann der gähnende Charakterkopf von Franz Xaver Messerschmidt. Der Mund: Ort vielfältigen Ausdrucks, das beweist die Schau auf eindringlichste.

Und natürlich fehlen hierbei auch die beiden sinnlichen Erfahrungen nicht: Erotik und Essen. Während man im Video von Mona Hatoum in die Tiefen der Speiseröhre vordringt und die eindrückliche Realität buchstäblich auf dem Teller präsentiert wird und Anselmo Fox wiederum gelbe Zähne in Schokoladentafeln versteckt, ist die Erotik ganz innig zu spüren bei Wolfgang Tillmans Fotografie The Cock (kiss) oder bei den sinnlichen Lippen in den Werken von Marilyn Minter. Vivian Greven reduziert den Kuss grafisch aufs Wesentliche und Natalia LL gelingt schließlich die ironische Brechung der oralen Libido in ihrer seinerzeit berüchtigten Bananen - Arbeit. Humor, Erotik, Genuss, Staunen, Ekel, Schaudern oder Freude – eine erstaunliche Themen-Reise durch die Wandelbarkeit des Motivs Mund!

Die Kuratorin Uta Ruhkamp hat, nachdem das Thema von dem Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme und der Zahnärztin Beate Slominski an sie herangetragen worden war, eine außergewöhnliche Ausstellung erarbeitet. Die begleitende umfangreiche Publikation geht noch über die Schau hinaus: „In aller Munde. Das Orale in Kunst und Kultur“ erscheint im Verlag Hatje Cantz und wird mit über 350 Seiten und Beiträgen namhafter Autor*innen das Thema der Ausstellung erweitern, vertiefen und mit rund 350 Abbildungen vielfältig illustrieren. Erhältlich ist das Buch zur Ausstellung im Museumsshop oder unter kunstmuseum.de/shop für 45 Euro.

Dr. Uta Ruhkamp
Nach einem Studium der Kunstgeschichte, Romanistik und Ethnologie in Aachen, Florenz und Münster hat sie über das Porträt in der Malerei nach 1945 in England und den USA promoviert. Sie ist seit zehn Jahren am Kunstmuseum Wolfsburg, wo sie zahlreiche Ausstellungen kuratiert hat, jüngst "In aller Munde".

Dieser Artikel erschien zuerst in der Stadtglanz Print-Ausgabe 16 / Oktober 2020.

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