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Lifestyle

Drag Queen Aria Addams hinter den Kulissen

„Ich habe einen ungeheuren Drang danach, mich selbst zu verbessern“

Von Anna Charlotte Groos

(Fotografie: Gregory Kramer ProSieben/Martin Ehleben)

Der 23-jährige Milo Pochylski, wie er im bürgerlichen Leben heißt, hat es geschafft und als Drag Queen seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Als Aria Addams begeistert er dabei nicht nur tausende von Fans, sondern konnte zuletzt auch im Finale der Pro7-TV-SHOW Queen of Drags den zweiten Platz ergattern. Doch was bedeutet Drag eigentlich und wer steckt wirklich hinter dem Make-up und Glamour seiner Rolle Aria Addams? Wir haben es heraus­gefunden und mit dem gebürtigen Wolfsburger gesprochen.

Wie bist Du zum Drag gekommen, Milo?

Ich hab‘ schon immer gerne diese ganzen kreativen Felder bedient. Und dann war ich mal vor Jahren bei einer Travestie-Show, wie das so schön altbacken heißt, und hab gemerkt: Die vereinen auf der Bühne quasi alles, was mir so viel Spaß macht. Tanz, Gesang, Comedy … Und da dachte ich mir dann so: Okay, wenn das alles so gut zusammen harmoniert, versuchst Du das auch mal. Und das hab ich mir dann so langsam angeeignet, so „learning by doing“. Am Anfang hab‘ ich mir teilweise wirklich bis nachts um drei das Gesicht angemalt, um zu üben.

Ist das dann wie eine Rolle, in die Du gehst und aus der Du wieder hinausschlüpfst, wenn Du Dich auskostümierst und abschminkst?

In gewisser Weise schon. Ich glaube weniger, was meine Persönlichkeit angeht, sondern mehr auf das Verhalten bezogen. Da merkst Du dann wirklich, sobald das Make-up drauf ist, ist's wie so ein Schalter, der umgelegt ist – und dann bist Du auf einmal wesentlich femininer als vorher. Und wenn man sich dann wieder abgeschminkt hat, dann freut man sich aus dem ganzen Kram wieder raus zu sein und ganz der Kerl zu sein von vorher, weil Drag ist wirklich unbequem.

War es am Anfang eine Überwindung für Dich, mit Deinem Kostüm und dem ganzen Make-up in die Öffentlichkeit zu gehen?

Tatsächlich hab ich mir da gar nicht viel daraus gemacht. Ich scher' mich nicht so viel drum, wenn Leute was Negatives zu sagen haben. Man lernt, das abprallen zu lassen.

Um nochmal darauf zurückzukommen: Was bedeutet denn Drag für Dich ganz persönlich?

Für mich ist es tatsächlich, dass man sich so ausleben kann, wie man das möchte. Also es gibt ja heutzutage, gerade in unserer Gesellschaft, so viele Ideale und Normen, die man zu beachten hat, damit man nicht aus dem Rahmen fällt. Und ich denke, gerade bei Drag ist es so, dass das absolut nicht der Fall ist.

Wenn Du sagst, von außen werden im Drag keine Regeln auferlegt, denkst Du dann, dass es von innen heraus bestimmte Grundsätze gibt? In Richtung Selbstoptimierung zum Beispiel?

Das kommt ganz drauf an, glaube ich. Also bei mir zum Beispiel, ich habe einen ungeheuren Drang danach, mich selbst zu verbessern. Ich schaue mir wirklich Videos von meinen Auftritten danach noch gefühlt tausend Mal an und gucke: Das kannst Du besser machen, das kannst Du besser machen. Man wird nie perfekt sein, definitiv nicht, aber nach Perfektion zu streben, ist trotzdem, meiner Meinung nach, nicht verkehrt.

Glaubst Du, dass Deine Rolle Aria vielleicht eine „optimierte“ Version von Dir selbst ist oder siehst Du Aria unabhängig von Dir als Milo?

Aria und Milo sind für mich zwei unterschiedliche Personen, aber ich glaube, dass sie nicht sehr verschieden sind. Ich mag es, einfach nur das Weibliche von dem Männlichen zu trennen. Quasi Beruf und Privatleben. Aria ist vielleicht ein bisschen lauter, größer und bunter als Milo. Es gibt Aspekte an beiden Persönlichkeiten, die verschiedene Menschen ansprechen würden. Mein Freund bevorzugt auf der Beziehungsebene definitiv meine männliche Seite. Meine Kunstfigur unterstützt er aber trotzdem.

Denkst Du, dass Drag unsere gesellschaftlich dominanten Rollenbilder von „Das ist eine Frau und das ist ein Mann!“ verändert?

Ja, doch, absolut. Gerade weil Drag heutzutage nicht mehr dieses typische Klischee vom Mann im Kleid ist, sondern mittlerweile unfassbar vielseitig ist. Es gibt Frauen, die Drag machen, ob das jetzt Frauen sind, die von Geburt an das weibliche Geschlecht haben oder ob's Transpersonen sind oder, oder, oder … Man würde quasi nie auslernen, wenn man sich damit eingehend befasst. Deswegen denke ich, dass es durchaus dazu beiträgt, so ein bisschen die Sichtweise und das Spektrum zu erweitern. Schon allein die ganzen Leute, die uns jetzt geschrieben haben „Ey, fand ich vorher scheiße, find ich jetzt aber cool!“. Wir wollen im Prinzip nichts anderes, als die Welt ein bisschen offener und toleranter zu machen.

Und noch zum Schluss: Was würde wohl Dein 8-jähriges Ich über Dein heutiges Ich sagen?

Was mein 8-jähriges Ich sagen würde, weiß ich nicht, aber mein heutiges Ich würde zu meinem 8-jährigen Ich sagen: Mach genau so weiter wie jetzt. Hab keine Angst davor, dass Leute Dich nicht so nehmen könnten, wie Du bist. Und auch wenn Du Dir manchmal etwas verloren vorkommst, glaub mir, es wird alles so kommen, wie Du es Dir wünschst.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Dieser Artikel erschien zuerst in der Stadtglanz Print-Ausgabe 15 / April 2020.