Wirtschaft
Wenn Maschinen sehen lernen
KI zwischen Mensch, Tier und Medizin
Von Jörg Janisch
Es ist früher Abend in einer Tierklinik. Ein Hund kommt in die Notaufnahme, er hat ohne Vorwarnung das Bewusstsein verloren und benimmt sich seitdem merkwürdig. Die Tierärztin ordnet sofort ein MRT an. Was folgt, kennen Human- wie Veterinärmediziner: Hunderte Schnittbilder, winzige Abweichungen, schwer zu erkennen unter Zeitdruck. Bisher bedeutete das Stunden konzentrierter Sichtung. Heute reicht ein Klick – und eine Künstliche Intelligenz (KI) liefert binnen Minuten eine Analyse samt Diagnosevorschlägen.
Eine Revolution aus Niedersachsen
Während MRT- und CT- Geräte immer ausgefeilter werden, mangelt es an spezialisierten Tierärzten, die diese Bilder auswerten können. Denn das Erkennen von Auffälligkeiten in den Bildaufnahmen und deren Interpretation erfordert jahrelange Expertise. Gleichzeitig steigen die Fallzahlen in den tierärztlichen Kliniken.
Diesen Engpass löst die DOS Software-Systeme GmbH in enger Partnerschaft mit der Tiermedizinischen Hochschule Hannover (TiHo). Ihr gemeinsames Ziel: eine Künstliche Intelligenz, die Radiologen und Tierärzte bei der Befundung von MRT- und CT-Aufnahmen unterstützt. Das Besondere daran: Die Algorithmen sind so trainiert, dass sie nicht nur Strukturen erkennen, sondern auch nachvollziehbar erläutern, wie sie zu ihrem Ergebnis kommen. Alle Modellentscheidungen werden als Kontext mitgeliefert – etwa als Markierung direkt im Bild oder als Hinweis mit den zugrundeliegenden Einzelwahrscheinlichkeiten. Am Ende bleibt die Entscheidung beim Arzt – doch die KI bringt Tempo und Sicherheit in den Prozess.
Wenn sieben KI-Modelle zusammenarbeiten
Das erste große Projekt startete 2022: Die Erkennung von Tumoren und Entzündungen im Hundegehirn. Über 83.000 MRT-Einzelbilder flossen in das Training ein. Jedes Bild wurde von erfahrenen TiHo-Tierärzten begutachtet und markiert. Um der Vielfalt von Rassen und Geräten gerecht zu werden, wurde ein System aus sieben KI-Modulen entwickelt. Während ein Modell die Bildqualität prüft, suchen andere nach typischen Mustern neurologischer Erkrankungen. Zwei weitere Systeme kombinieren und gewichten die Ergebnisse. Das Resultat: Die Auswertung von 500 Bildern dauert nur noch wenige Minuten und wird als datenschutzkonforme, cloud-basierte Webanwendung bereitgestellt. Diese ist so konzipiert, dass sie eine einfache Integration in die bestehenden Abläufe der Tierklinik ermöglicht.
Der nächste Durchbruch: Wirbelfrakturen
Doch die Arbeit endet hier nicht. Während das erste Projekt bereits in der Praxis getestet wird, geht es inzwischen um Wirbelsäulenfrakturen – wird ein Tier mit kritischen Verletzungen falsch bewegt, kann das zu schwerwiegenden Schäden führen. Gemeinsam mit der TiHo entsteht die Lösung SpinAI-FX: Eine KI, die Brüche auf CT-Bildern zuverlässig erkennt.
Das Projekt läuft bis 2026 und vereint Hightech mit klinischem Alltag: Von der Datenakquise über die manuelle Annotation jedes CT-Bildes bis zum Training neuronaler Netze. Am Ende soll eine Web-Anwendung stehen, die Tierärzte weltweit per Browser nutzen können.
Wirtschaft und Forschung Hand in Hand
Die Projekte werden durch Bund, Land und EU gefördert. Mit gutem Grund: Laut Prognosen kann allein der Einsatz in Tierkliniken in Deutschland, Europa und den USA jährliche Gewinne in Millionenhöhe generieren. Noch wichtiger: DOS und TiHo schaffen neue Arbeitsplätze, bauen Know-how auf und setzen Impulse für die Gesundheitswirtschaft.
Durch die Zusammenarbeit entsteht eine wichtige Schnittstelle zwischen Veterinärmedizin und Digitalisierung. Hierbei stehen der klinische Bedarf, Datengrundlagen und medizinische Bewertung auf der einen Seite, KI-Entwicklung, Plattform-Architektur und Betrieb auf der anderen.
Vertrauen in die Technik
Doch Technik allein genügt nicht. Tierärzte müssen die Ergebnisse nachvollziehen können. Deshalb verzichtet die Software bewusst auf Blackbox-Entscheidungen. Stattdessen gibt sie Wahrscheinlichkeiten aus, markiert verdächtige Strukturen direkt im Bild und zeigt, warum sie einen Verdacht äußert. Die KI wird so zur beratenden Kollegin – verlässlich, schnell und nie müde.
Gewinner auf allen Seiten
Die Vorteile dieser neuen Möglichkeiten kommen allen zugute:
Mediziner gewinnen Zeit, die sie in die Behandlung investieren können.
Patienten – ob Mensch oder Tier – profitieren von schnellerer, präziserer Diagnostik.
Angehörige und Tierhalter erhalten rasch Gewissheit.
Forschung und Wirtschaft erschließen neue Felder zwischen Medizin und Digitalisierung.
Blick in die Zukunft
Noch sind es Pionierprojekte, doch vieles spricht dafür, dass KI-gestützte Diagnostik bald Alltag sein wird. Die Vision ist klar: Ein weltweites Ökosystem, in dem Tier- und Humanmedizin voneinander lernen, klinische Daten intelligent genutzt werden und Maschinen die Arbeit dort übernehmen, wo menschliche Aufmerksamkeit an Grenzen stößt.
Die KI ersetzt keine Ärztinnen und Ärzte – aber sie erweitert ihren Blick, gibt Sicherheit und verschafft das Wertvollste in der Medizin:
Zeit für den Patienten.
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