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Josefs Welt
Die gute Nachricht
Von Timo Grän
Die Geschichte Braunschweigs wird seit Jahrhunderten von Kultur und Wissenschaft beeinflusst. Obwohl landwirtschaftlich und vom Feudalismus geprägt, konnten sich die Künste und die Wissenschaft früh etablieren. Dass im Herzog Anton Ulrich Museum ein Vermeer hängt, finde ich erstaunlich. „Das Mädchen mit dem Weinglas“ ist es wert, dass man Stunden davor verbringt. Herzog Carl I. von Braunschweig-Lüneburg war offenbar davon überzeugt, dass Kunst und Bildung für die Menschen von Bedeutung sind, und hat – untypisch früh – seine Gemäldegalerie dem gemeinen Volk zugänglich gemacht. Was für ein innovativer Ansatz in Zeiten, in denen das Gottesgnadentum die Untergebenen auf ihre Plätze verwiesen hat.
Die Geschichte Braunschweigs wird seit Jahrhunderten von Kultur und Wissenschaft beeinflusst. Obwohl landwirtschaftlich und vom Feudalismus geprägt, konnten sich die Künste und die Wissenschaft früh etablieren. Dass im Herzog Anton Ulrich Museum ein Vermeer hängt, finde ich erstaunlich. „Das Mädchen mit dem Weinglas“ ist es wert, dass man Stunden davor verbringt. Herzog Carl I. von Braunschweig-Lüneburg war offenbar davon überzeugt, dass Kunst und Bildung für die Menschen von Bedeutung sind, und hat – untypisch früh – seine Gemäldegalerie dem gemeinen Volk zugänglich gemacht. Was für ein innovativer Ansatz in Zeiten, in denen das Gottesgnadentum die Untergebenen auf ihre Plätze verwiesen hat.
Braunschweig hat viel unentdeckte Schönheit, wie ich meine. All die hübschen Plätze und die alten Fachwerkhäuser, die sich einem erst beim Flanieren durch die verwinkelten Gässchen zeigen, bilden einen idyllischen Kontrast zu der Tatsache, dass die Gegend an dritter Stelle der forschungsintensivsten Regionen von Europa liegt.
Auffallend ist die Dichte an Geistesgrößen, die hier in der Gegend gewirkt haben: Gauß, Raabe, Leibnitz, Lessing… Amüsant finde ich die Tatsache, dass ein paar Häuser weiter von meiner Wohnung ein gewisser Herr Justus Georgius Schottelius gewohnt hat. Er gilt als einer der Gründerväter der deutschen Grammatik, was ich als Legastheniker fast als Ironie des Schicksals empfinde.
Aber trotz dieser Zahlen und der Geschichte ist Braunschweig international nicht wirklich bekannt. Wenn ich mit Freunden in Asien oder Nord-Amerika rede, wissen die Meisten nicht, wo Braunschweig liegt. Braunschweig weist, international gesehen, zu Unrecht einen eingeschränkten Bekanntheitsgrad auf. In Mandarin existiert das Wort für Braunschweig gar nicht, sondern es heißt einfach „die Löwenstadt“. Wie schafft man es also, dass diese Stadt der Löwen vermehrt in der Wahrnehmung der globalen Standorte ankommt?
Mein Anspruch lautet folgendermaßen: Wir wollen das beste Institut der Welt für Infektionsforschung werden und in der internationalen Champions League der Wissenschaft und Innovation mitspielen. Meine beruflichen und persönlichen Netzwerke reichen von Vancouver, China über Tokio, Boston bis nach Paris bzw. London. Das klingt hochtrabend, ist aber ausschlaggebend für Wissenschaftler:innen am Anfang ihrer Karriere: Sie sind noch nicht statisch wie die Etablierten ihres Faches, sondern orientieren sich an Mentor:innen und an der vorhandenen Infrastruktur.
Damit können wir punkten: unsere Gruppenleiter haben freie Hand bei der Ausstattung ihrer Labors und finden eine exzellente Infrastruktur vor. Es wird ihnen quasi eine „Spielwiese“ offeriert, damit sich ein freies Spiel der Kräfte entfalten kann und Exzellenz im Wettstreit der Ideen kausal entsteht. Bei so einem gebündelten Maß an Kreativität und Forschung passieren aber auch immer wieder Fehler, Misserfolge stellen sich ein, manchmal steht man nach langen Jahren der Forschung vor einem Scherbenhaufen. Es ist mir persönlich ein großes Anliegen, dass meine Mitarbeiter:innen scheitern können und dürfen.
Um in der Champions League jedes Jahr mitzuspielen, brauchen wir neben den notwendigen Mitteln vor allem die besten Spieler. Unsere Konkurrenten beim Mitarbeiter-Recruiting sind Harvard, Oxford, Stanford, also die Elite-Forschungsinstitute dieser Welt, und die Frage ist die: Wie bringen wir die besten, ehrgeizigsten und aufgeschlossensten jungen Forscher:innen nach Braunschweig? Unsere Labors sind so gut ausgestattet wie wenige in der Welt. Als Beispiel möchte ich unseren Hightech-Roboter mit dem schönen Namen Molly nennen: Damit züchte mein Forschungsteam KI-gesteuert menschliche Gewebe aus Stammzellen.
Damit tun sich neue Welten auf, pro Monat können wir bis zu 40-50.000 kleine Herzen, Blutgefäße, Gehirne, Nieren, Lungen etc. herstellen. Indem wir diese Organoide mit Viren und Bakterien infizieren, gewinnen wir neue Erkenntnisse in der Infektionsforschung, um etwa bei einer nächsten Pandemie bereits zu wissen, was man am besten dagegen tun kann. Das Wichtigste: Wir wissen nicht, wer der nächste Lionel Messi der Wissenschaft sein wird, aber wir können eine Kultur schaffen und leben, in der die besten Talente in finanzieller, intellektueller und auch in spiritueller Freiheit arbeiten können.
Braunschweig hat immer die Wissenschaften gelebt und gefördert, bis heute. Jedoch, so ist meine Beobachtung, liegt diese Region in einem Dornröschenschlaf der internationalen Wahrnehmung. Es ist an der Zeit, dass wir sichtbar werden in der globalen Welt der Wissenschaft und Innovation, um die Grundvoraussetzungen für Wohlstand und Zukunft zu garantieren. Welche Wege sollen beschritten werden? Das Vermeer-Gemälde im Museum zeigt uns, wo diese Reise hingehen muss: Zu einer Kultur, in der in aller Bescheidenheit, aber auch mit einer großen Erwartungshaltung – die besten Talente und Innovationen gefördert werden, eingebettet in eine Kultur von Exzellenz und Respekt.
Nun die gute Nachricht – in den letzten zwei Jahren haben wir bereits zwölf dieser Supertalente zu uns ans HZI geholt, und viele werden noch folgen. Unser zukünftiges Champions League-Team – direkt hier in Braunschweig.
Josef Penninger ist ein österreichischer Genetiker. Er leitete von 2002 bis 2018 das Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) in Wien sowie von 2018 bis 2023 das Life Sciences Institute an der University of British Columbia. Seit Juli 2023 ist er wissenschaftlicher Geschäftsführer des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung in Braunschweig und Professor an der Medizinischen Universität Wien.
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