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Lifestyle

20. April 2026

Der Hoffnungsträger

Wenn die Ergebnisse nicht stimmen, richtet sich der Blick schnell auf den Trainer. Ein Wechsel soll neue Ideen bringen, neue Energie, neue Hoffnung. In Braunschweig ist Ramón Díaz bei den Basketball Löwen genau in dieser Rolle angekommen.

Von Stefan Boysen

Ramón Díaz

Foto: Basketball Löwen

Im Interview spricht der Spanier über seine Aufgabe in einer schwierigen sportlichen Situation, seine Botschaft an die Spieler – und darüber, wie er mit den Herausforderungen seines Trainerlebens umgeht.

Herr Díaz, im Profisport ist es gang und gäbe, als Trainer immer wieder neue Aufgaben zu übernehmen – oft von heute auf morgen. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie plötzlich in Braunschweig angekommen sind?

Ich wusste, dass Volkswagen aus dieser Region kommt. Aber ehrlich gesagt: Den Namen der Stadt kannte ich vorher nicht. Was ich allerdings gut kenne, ist die Liga.

Woher wissen Sie so viel über die BBL?

Dafür gibt es zwei Gründe. Zum einen schaut man als Trainer immer auf andere Ligen, wenn man nach Spielern sucht – und bekommt so automatisch ein Gefühl für den Stil. Die BBL ist eine Liga, in der mit hohem Tempo gespielt wird und mit viel Druck auf den Ball. Zum anderen habe ich zwei sehr gute Freunde, die hier arbeiten: Pedro Calles, Coach von Alba Berlin, und Miguel Zapata, Co-Trainer in Vechta. Miguel war auch schon einmal mein Assistenztrainer in Mexiko.

Sie sind lange in Mexiko tätig gewesen – war das eine komplett andere Welt?

Am Ende ist Basketball natürlich überall gleich – es ist fünf gegen fünf. Aber die Art, wie gespielt wird, ist unterschiedlich. Ich war elf Jahre in Mexiko, aber in verschiedenen Rollen. Ich habe in der Nationalmannschaft gearbeitet, dann in der Liga und später vier Jahre in der G-League in Mexiko-Stadt. Die Nationalmannschaft und die Liga sind eher europäisch geprägt, aber die G-League ist zu 100 Prozent US-amerikanisch.

Wenn man als Trainer ständig unterwegs ist – braucht es dafür eine gewisse Abenteuerlust?

Ja, zu 100 Prozent. Man muss offen sein für neue Städte, neue Länder, neue Kulturen. Für mich ist das normal, weil ich das mein ganzes Leben so gemacht habe. Ich bin daran gewöhnt, jederzeit den Ort zu wechseln. Heute bin ich hier, aber morgen kann schon alles anders sein. Ich hatte zum Beispiel gerade erst in Spanien unterschrieben, in meiner Heimatstadt Granada. Ich dachte, ich bleibe dort ein paar Jahre – und dann ging alles sehr schnell und ich bin jetzt hier in Braunschweig.

Gibt es in Braunschweig etwas, das für Sie neu ist – im Sport oder im Alltag?

Nein, eigentlich nicht – auch wenn ich vorher noch nie in Deutschland war, nicht einmal als Tourist. Die Menschen, der Verein, der Staff – alle haben mich mit offenen Armen empfangen. Ich bin sehr glücklich, hier zu sein.

Sie sind als neuer Trainer in einer schwierigen Situation zu den Basketball Löwen gestoßen – wie sind Sie an diese Aufgabe herangegangen?

Ich bin jemand, der, wenn er ein Ziel sieht und daran glaubt, alles dafür gibt. Als ich den Anruf bekommen habe, habe ich mir zuerst den Kader angeschaut, die bisherigen Spiele und die Situation in der Tabelle. Außerdem habe ich mit meinen Kontakten gesprochen – und alle haben gesagt: Die Ergebnisse sind nicht gut, aber der Verein arbeitet sehr professionell und denkt langfristig. Das war für mich wichtig. Es geht hier nicht nur um Gewinnen oder Verlieren, sondern darum, etwas aufzubauen.

Wie haben Sie die Mannschaft in den ersten Tagen wahrgenommen?

Als ich die Mannschaft zum ersten Mal gesehen habe, habe ich schnell gemerkt, dass wir uns in einigen Bereichen verbessern müssen. Unser Fokus liegt von Anfang an auf der Defensive. Ich habe den Spielern gesagt: Wenn wir nicht verteidigen, werden wir keine Spiele gewinnen. Das ist unsere Basis. Wir müssen uns defensiv deutlich steigern, aggressiver sein und eine andere Mentalität entwickeln. Unter dem Korb sind wir gut besetzt, wir haben Spieler, die beim Rebounding dominieren können. Deshalb ist mein Ansatz: besser verteidigen, Rebounds holen und dann mit Tempo spielen. Jetzt, nach den ersten Wochen, versuche ich Schritt für Schritt mehr von meiner Philosophie einzubringen – eine Mischung aus schnellem US-amerikanischem Basketball und einem eher taktischen europäischen Ansatz.

Wenn die Ergebnisse nicht stimmen – woran merken Sie, dass das Team trotzdem Fortschritte macht?

Am Anfang ging es vor allem darum, die negative Mentalität zu verändern. Wir haben direkt unser erstes Spiel gewonnen – das war wichtig und hat gezeigt: Es ist möglich. Danach haben wir weitergearbeitet. Die Ergebnisse waren zwar nicht gut, wir haben mehrere Spiele verloren. Aber wir haben gegen starke Gegner gespielt und waren über längere Phasen konkurrenzfähig. Jetzt geht es darum, diese Leistung über ein ganzes Spiel zu bringen.

Nach Spielen wie Mitte März gegen Trier, die emotional viel Kraft kosten: Wie kommen Sie wieder runter?

Die Stunden danach waren sehr schwierig für mich. Ich hatte große Erwartungen an das Spiel, weil wir in der Woche davor sehr gut trainiert hatten. Mein Gefühl war: Jetzt sind wir bereit. Nach der Niederlage ging es mir richtig schlecht, ich konnte nicht schlafen. Um nach solchen Spielen abschalten zu können, hilft mir meine Familie. Ich habe zwei Söhne, Hector und Luis. Sie haben mich auch schon hier in Braunschweig besucht. Das ist ehrlich gesagt der schwierigste Teil meines Jobs – dass man so wenig Zeit mit der Familie verbringen kann.

Unabhängig davon, wo die Basketball Löwen am Ende der Saison in der Tabelle landen werden: Wofür soll Ihre Mannschaft stehen?

Das ist immer meine Botschaft an die Spieler: Egal, ob wir unser Ziel erreichen oder nicht – wir müssen jeden Tag kämpfen und alles geben. Am Ende muss man sagen können: Diese Mannschaft stand für Einsatz und Kampf – und dafür, dass sie sich jeden Tag weiterentwickelt hat.

Herr Díaz, früher war Ihr Heimatland Spanien im Basketball vorne – inzwischen ist Deutschland Europa- und Weltmeister. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Ich glaube, es gibt zwei wichtige Faktoren. Zum einen die neue Generation von deutschen Spielern – sehr talentiert und gleichzeitig physisch stark. Und zum anderen die Arbeit im Nachwuchsbereich. Gerade hier 
in Braunschweig sehe ich, wie viele junge Spieler es gibt und wie sie gut organisiert und mit einer klaren Idee entwickelt werden.

 

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