Kultur
Leon Löwentraut: „Ich bin nicht entdeckt worden! Ich habe dafür gekämpft!“
Leon Löwentraut ist kein „entdecktes Wunderkind“, sondern ein Künstler, der sich Sichtbarkeit erarbeitet hat – mit Disziplin, Sport und einem stabilen inneren Kreis.
Von Timo Grän
In Braunschweig spricht er über Familie, Loyalität und darüber, warum Kunst nicht erklärt werden muss, um zu wirken. Er ist 1998 in Kaiserslautern geboren, hat schon als Kind gemalt – und gehört heute zu den auffälligsten Künstlern seiner Generation: Leon Löwentraut. Für die Region 38 ist sein Besuch ein kulturelles Signal: internationale Gegenwartskunst, erlebbar – nicht im schnellen „Event-Modus“, sondern als echte Begegnung in einer Gesprächssituation, in der deutlich wird, was Löwentraut antreibt: Disziplin, Familie, Loyalität – und der Wille, sich immer wieder neu freizukämpfen. Löwentraut spricht offen darüber, dass Erfolg Menschen anzieht – nicht immer aus den richtigen Gründen. Seine Konsequenz: kein Rückzug, keine Härte gegen alle, sondern klare Grenzen. Stabilität kommt für ihn aus Beziehungen, in denen Status keine Rolle spielt – und aus der bewussten Trennung von Arbeit und Privatem.
„Ich bin kein Zufallsprodukt“ – der frühe Weg in die Kunst
Löwentraut erzählt von einer „wirklich sehr schönen Kindheit“ mit engem Verhältnis zu beiden Eltern. Familie, sagt er, sei gerade „in einer turbulenten Welt“ nicht nur privat wichtig, sondern ein Grundpfeiler für Stabilität. Als Kind malt er zunächst mit der Mutter – inspiriert durch ihre Freude an Malerei. Dass aus der frühen Begeisterung ein Berufsweg wird, sei nicht aus einem „Zaubertrick“ entstanden, sondern aus etwas viel Unromantischerem: Arbeit. Er beschreibt, wie er sich schon sehr jung bei Galerien vorgestellt hat – mit ausgedruckten Bildern, in einem Schnellhefter. „Ich kam ja nicht aus der Kunst“, sagt er, und das merkt man im Ton: nicht gekünstelt, nicht kokett. Er habe Absage um Absage bekommen – und trotzdem weitergemacht. Diese Hartnäckigkeit gehört zu seinem Selbstbild: „Wenn ich weiß, dass etwas besser ist und ich davon überzeugt bin, dann bin ich stur.“ Das passt zu dem, was auch Biografien über ihn betonen: frühes, konsequentes Dranbleiben und der Schritt, sich als Schüler bereits ernsthaft als Künstler zu definieren.
Sport als Gegenpol – „klarer Kopf“ fürs Atelier
Wer Löwentraut nur über seine großformatigen, energiegeladenen Arbeiten kennt, könnte ihn schnell in die Schublade „Talent, das eben passiert“ stecken. Im Gespräch wirkt er dagegen wie jemand, der sich über Routinen stabilisiert. Sport ist für ihn kein Lifestyle-Accessoire, sondern Teil seiner Arbeitsfähigkeit: Körper, Geist, Seele – „klarer Kopf“, gerade weil die Malerei körperlich ist. Er malt groß, bewegt sich viel im Raum, arbeitet mit Kraft und Tempo. Das Atelier ist dabei sein Schutzraum: Wenn er allein ist, „zählt nur die Leinwand und der Maler“.
Das ist Arbeit. Knallharte Arbeit. Und dranbleiben.
Werte, die bleiben: Fairness, Loyalität, Haltung
Was ihn als Mensch ausmacht? Löwentraut nennt keine ausgefallenen Etiketten. Er bleibt bei Grundsätzen: Fairness, Gerechtigkeit, „gutes Benehmen“, Loyalität. Und er sagt einen Satz, der hängen bleibt: Am Ende müsse man „mit einem guten Gewissen einschlafen können“. Gerade Loyalität sei in der Kunstwelt, so sein Eindruck, „eine Rarität“. Er kennt die Mechanik: Erfolg zieht Aufmerksamkeit an – und manchmal Menschen, die nicht wegen des Menschen kommen, sondern wegen des Nutzens. Sein Schutz dagegen ist kein Zynismus. Eher eine klare Trennung: Er differenziere „zwischen dem Leben und der Arbeit“ und verliere sich nicht in fremden Erwartungen. Stabilität geben ihm Familie, Freundin und Freunde, „wo Status keine Rolle spielt“.
Kunst als Ventil – und warum er sie nicht erklärt
Löwentraut möchte seine Werke nicht „übersetzen“. Entscheidend ist, was zwischen Bild und Betrachter passiert. In einer Zeit, in der vieles sofort gedeutet, kommentiert, eingeordnet wird, setzt Löwentraut einen Kontrapunkt: Seine Bilder sollen nicht durch Erklärtexte „richtig“ werden. Im Gegenteil – jede Erklärung könne dem Betrachter Illusion nehmen. Sein Werk, sagt er, entstehe in „purer Energie“ zwischen ihm und der weißen Leinwand. Und vervollständigt werde es erst, wenn jemand davorsteht und eine eigene Verbindung findet. Das ist kein PR-Satz, sondern konsequent zu Ende gedacht: Er müsse mit dem Bild am Ende „nicht mehr klarkommen“ – der Betrachter müsse es. Genau darin liegt auch die offene Einladung: Kunst als Resonanzraum statt als Anleitung. Löwentraut möchte seine Werke nicht „übersetzen“. Entscheidend ist, was zwischen Bild und Betrachter passiert.
Mit jeder Erklärung nehme ich dem Betrachter ein Stück Illusion.
Braunschweig als Bühne: Galerie, Familie, Generationenwechsel
Für Stadtglanz ist an diesem Termin nicht nur der Künstler spannend, sondern auch das Umfeld:
Eine Galerie, die sich als Ort der Begegnung versteht – und eine Familie, die sichtbar gemeinsam arbeitet. In Braunschweig wird Löwentraut in der Galerie Jaeschke präsentiert; die Ausstellung wurde als Jahresauftakt mit persönlicher Anwesenheit des Künstlers angekündigt. Im Gespräch wird deutlich, dass es hier nicht um „einmal zeigen und weiter“ geht, sondern um eine langfristige Verbindung: Man kennt sich seit Jahren, hatte Kontakt, Zeiten, in denen es „hakelig“ war – und dann den Moment, in dem es wieder passt. Für Löwentraut ist das keine Nebensache. Er spricht über Timing, über Reife, über die Bedeutung von Vertrauen und über die Energie, die entsteht, wenn Menschen gemeinsam etwas wollen.
„Magical Momentum“ – und die Frage nach dem nächsten Kapitel
Sein Blick nach vorn bleibt bewusst offen. Auf die Frage nach Ziel, Fahrplan, Wunschliste sagt er sinngemäß: „Einfach zuschauen und abwarten.“ Das klingt im ersten Moment ausweichend – wirkt aber eher wie eine Entscheidung: nicht jede Zukunft in Schlagzeilen pressen, sondern im Prozess bleiben. Seine Website und Galerietexte beschreiben seine Entwicklung als kontinuierlich, international sichtbar und geprägt von einer starken, eigenen Bildsprache.
Und doch ist das Gespräch alles andere als unkonkret. Denn die Essenz ist klar: Erfolg kommt nicht aus dem Zufall, sondern aus Disziplin. Aus Rückhalt. Aus dem Mut, nach Absagen wieder an Türen zu klopfen. Und aus der Fähigkeit, trotz Öffentlichkeit nicht die Richtung zu verlieren.
Leon Löwentraut – auf einen Blick
• Geboren: 1998 in Kaiserslautern
• Erste intensive Berührung mit Malerei: ab 7 Jahren
• Frühe künstlerische Selbstständigkeit: „Ich habe mich bei Galerien vorgestellt“
• Arbeitsweise: großformatig, körperlich, energiegeladen
• Haltung:Kunst nicht „erklären“, sondern wirken lassen
• Stabilität: Familie, Partnerschaft, Freundeskreis ohne Statuslogik
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