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Wirtschaft

16. Oktober 2025

Forschungscampus für Circular Economy

Die Open Hybrid LabFactory (OHLF) ist ein durch das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt geförderter Forschungscampus.

Von Dr. Marko Gernuks

Fotografie: OHLF

Wissenschaft und Industrie forschen gemeinsam auf den Themenfeldern des nachhaltigen Leichtbaus und der Kreislaufwirtschaft für die Mobilität unter einem Dach. Diese Bündelung an Fachkompetenzen, bringt Jahr für Jahr zukunftsweisende und innovative Forschungs- und Entwicklungsprojekte hervor – bis zur industriellen Anwendung.

OHLF-Projekte zu Circular Economy

Im Projekt „SARESA“ werden neue Methoden entwickelt um ausrangierte Autos, oder andere Altprodukte, besser wiederzuverwerten. Mit moderner Technik wird automatisch erkannt, aus welchem Material ein Bauteil besteht und ob es wiederverwendet werden kann. Intelligente Roboter helfen dabei sortenrein zu demontieren, um wertvolle Materialien in hoher Qualität zurückzugewinnen. Der Projektfokus liegt vor allem auf der Entwicklung digitaler, effizienter Werkzeuge für die Zerlegung.

Forschende des Projekts „CirProTech“ verfolgen das Ziel, Kunststoffe und Carbonfasern so zu recyceln, dass daraus wieder neue Bauteile entstehen können. Weil die Materialien oft stark miteinander verbunden oder vermischt sind, stehen Verwerter hier noch einer großen Herausforderung gegenüber. Neue Verfahren von der Sortierung, Entfernung von Verunreinigung bis hin zur Verarbeitung sollen eine Wiederverwertung wirtschaftlich und nachhaltig in Fahrzeugen oder in der Luft- und Raumfahrt ermöglichen.

Im Projekt „conCErt“ wird ein Best-Practice-Modell für die Zusammenarbeit und den Wissensaustausch innerhalb öffentlich-privaten Partnerschaften für die Kreislaufwirtschaft entwickelt. Die OHLF ist in einem solchen Modell organisiert und bietet den realen Rahmen für die praktische Erforschung und direkter Anwendung der Ergebnisse. Dabei geht es auch um gute Meetings, Vielfalt, Frauenförderung und die Entwicklung von Führungskräften. Alle entwickelten Maßnahmen werden in regionalen und überregionalen Netzwerken zur Verfügung gestellt.

Was passiert in Zukunft mit ausgedienten Batterien aus E-Fahrzeugen?

Mit einer Pilotanlage im Technikum des Forschungscampus, wird erstmals die vollautomatisierte Zerlegung von Traktionsbatterien aus Elektrofahrzeugen möglich. Bisher wurden diese manuell zerlegt – ein gefährlicher Prozess wegen möglicher Restspannungen. Das maschinelle System reduziert diese Risiken deutlich und eröffnet gleichzeitig Perspektiven für die effiziente Kreislaufwirtschaft, ein wichtiger Schritt hin zu sicheren und nachhaltigen Demontageprozessen. Die Anlage wird aktuell weiterentwickelt, um noch flexibler und wirtschaftlicher zu funktionieren. 

Aus Forschung wird Startup – Lücke zwischen Forschung und Industrie schließen

Gestartet in einem Forschungsprojekt entwickelt Sentics heute Lösungen, die industrielle Arbeitsumgebungen sicherer und effizienter machen. Die Besonderheit: Sentics ermöglicht die Ortung von Personen und Fahrzeugen, ohne dass Mitarbeitende zusätzliche Geräte wie Tracker, Chips oder Sensoren tragen müssen. Das Herzstück der Technologie ist die kamerabasierte Erfassung der gesamten Umgebung und die Erstellung eines digitalen Zwillings davon. Auf einem zentralen Dashboard werden alle Bewegungen anonym dargestellt – vom Gabelstapler bis zum Menschen.

Der Vorteil für Unternehmen: Risikobereiche werden sofort sichtbar und Unfälle werden aktiv verhindert. Gleichzeitig lassen sich Abläufe gezielt optimieren, während Anschaffungs- und Wartungskosten für zusätzliche Geräte entfallen. So entsteht mehr Sicherheit im Alltag und mehr Effizienz in den Prozessen bei weniger Aufwand. 

Hohe Entwicklungsfreiheit bringt neue Lösungen

An der OHLF sind 42 Mitglieder aus Industrie und Wissenschaft beteiligt. Die Fraunhofer-Gesellschaft hat sogar das Fraunhofer-Zentrum Circular Economy für Mobilität hier verankert. Eines der Fraunhofer Institute, das IST, beschäftigt sich aktuell mit Reinigungsprozessen, um Alternativen zu schädlichen Binde- und Haftmitteln in der Mobilitätsbranche zu finden. Ganz ohne Lösungsmittel und energieintensive Zwischenschritte ist der COAD®-Prozess eine echte Erfolgsstory.

Seit 2024 nutzt die Firma Rohloff AG den Prozess für seine hochpräzisen Fahrradgetriebe, um Dichtstoffe zuverlässig auf Wälzlagerstählen haften zu lassen. Dadurch konnte das Produkt und die Produktion bei Rohloff noch effizienter und nachhaltiger werden. Künftig soll der Prozess auch in den Bereichen Automobil, Luft- und Raumfahrt sowie Medizin- und Pharmatechnik eingeführt werden. An der OHLF findet das Institut die nötige Analytik für die Weiterentwicklung des Prozesses vor und arbeitet vor Ort bereits mit einer industrienahen Anlage. 

Forschung, Partnerschaft, Nachhaltigkeit

Kurzinterview mit Prof. Dr. Simone Kauffeld (SK) 

Was ist das Besondere an der OHLF Für Sie? 

MG: Mir macht besonders Spaß, dass wir ganz praxisnah arbeiten. Wir haben ein hoch kompetentes Netzwerk an Forschenden und erstklassig ausgestattete Labore und Anlagen, so dass wir Ideen sehr schnell umsetzen können. Und weil bei uns richtig große Industrieanlagen im Technikum stehen, können wir nicht nur kleine Probenkörper herstellen, sondern auch Bauteile im 1:1-Maßstab.
SK: Die OHLF ist eine Forschungseinrichtung mit starker Industrie-Anbindung und wissenschaftlicher Vernetzung. Sie ist als Public-Private-Partnership (PPP) organisiert – also eine Kooperation von öffentlicher Hand, Wissenschaft und Industrie. In dieser Struktur treffen unterschiedlichste Kulturen aufeinander, was psychologische Expertise entscheidend für Kommunikation, Konfliktlösung und Innovationsförderung macht. Mein Institut, die AOS der TU Braunschweig, unterstützt an der OHLF das Gelingen dieser Struktur.

Welche innovativen Ansätze für mehr Kreislaufwirtschaft in der Mobilitätsbranche sehen Sie als vielversprechend an?

MG: Wenn ein Auto verwertet werden soll, ist es aus wirtschafts- und Umweltsicht wichtig, Bauteile zu demontieren, für die es auf dem Gebrauchtmarkt eine Nachfrage gibt. Werkstoffe wie z.B. Aluminium müssen möglichst sortenrein separiert werden, um sie wieder in den Kreislauf zu bringen. Durch dieses Recycling senkt man den CO2-Footprint deutlich. Seltene Erden, die man in den Magneten der E-Maschine findet, müssen im Loop gehalten werden, um geostrategische Abhängigkeiten zu reduzieren. Wichtig ist, dass diese Prozesse wirtschaftlich sind, dabei helfen uns an der OHLF der Einsatz von Künstlicher Intelligenz und hochflexiblen Robotern.

Wie unterstützt die OHLF dabei, neue Ideen schneller in marktreife Innovationen zu überführen und nachhaltig zu verankern?

MG: Oft besteht das Problem, dass großartige Forschungsergebnisse nicht direkt in Unternehmensprozesse überführt werden können. Eine passende Lösung können Startups sein, die an der OHLF sehr gute Gründungsvoraussetzungen vorfinden. Das beste Beispiel bietet die Sentics GmbH, die genau diesen Innovationsprozess durchlaufen hat. Es ist beeindruckend, wie schnell und zielstrebig sich das Start-up entwickelt hat.

Public-Private-Partnerships: Welche innovativen Impulse entstehen durch die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Industrie?

SK: Die OHLF zeigt, dass PPP-Modelle besonders dann innovativ zusammenwirken, wenn räumliche Nähe, unternehmerischer Geist und interdisziplinäre Zusammenarbeit aufeinandertreffen. Durch den Einfluss von arbeits- und organisationspsychologischer Expertise wird zudem aus kulturellen Unterschieden produktive Vielfalt. Weil Wissenschaft und Industrie Tür an Tür arbeiten werden Schnittstellenverluste reduziert und Innovationsgeschwindigkeit geschaffen, so gelingt die Übertragung in die Industrie und Unternehmen geben frühzeitig Feedback aus der Anwendung. PPP-Modelle ermöglichen, dass Ideen nicht im Labor steckenbleiben, sondern entlang der gesamten Innovationskette weiterentwickelt werden, von der Grundlagenforschung über prototypische Erprobung bis nah an die Serienreife. Public-Private-Partnerships sind nicht nur eine organisatorische Hülle, sondern ein echtes Ökosystem, in dem im Falle der OHLF, Kreislaufwirtschaft lebendig vorangetrieben wird.

Wie sieht für Sie die Kreislaufwirtschaft in der Mobilität der Zukunft aus und welche Rolle spielt die OHLF dabei?

SK: Mein Wunsch ist, dass sie im Alltag der Mobilität selbstverständlich geworden ist: Fahrzeuge und Komponenten werden nicht mehr als Wegwerfprodukte betrachtet, sondern als Teil eines geschlossenen Wertschöpfungskreislaufs. Dafür braucht es nicht nur technologische Lösungen, sondern vor allem ein gesellschaftliches Umdenken und mehr Sensibilität im Umgang mit Ressourcen. Wenn uns das gelingt, wird Circular Economy nicht nur ein technisches, sondern auch ein gesellschaftliches Erfolgsprojekt.
MG: Wir brauchen Technologien, die uns helfen Kreisläufe zu schließen, und das so effizient wie möglich. Und dafür brauchen wir Menschen, die Lust haben diese Technologien zu entwickeln. Gerne gemeinsam im und mit dem Netzwerk unseres Forschungscampus.

 

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