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Sport

15. Oktober 2025

Hungrig auf mehr

In der Saison geht’s um alles: um jeden freien Wurf, den Rebound unterm Korb, den kalten Dreier in der Overtime. Doch mit der Schlusssirene ist noch lange nicht alles vorbei.

Von Stefan Boysen

Fotografie / Basketball Löwen

Dann beginnt das andere Spiel – eines, das sich in der Fantasie der Fans in Hotellobbys am Flughafen oder dunklen Hinterzimmern abspielt, mit Klubmanagern, Spielerberatern, Verhandlungspoker und viel Espresso. Der Transfersommer ist die Verlängerung der Spielzeit – kein Trikot, kein Ball, aber genauso viel Druck.

Besonders gefordert sind die Teams, die einen größeren personellen Umbruch verkraften und ihren Kader neu aufstellen müssen – so wie die Basketball Löwen Braunschweig, die in der vergangen-
en Spielzeit mit Platz drei nach der Hauptrunde samt Play-off-Einzug für Aufsehen sorgten. Die Volkswagen Halle wurde zur viel beachteten Bühne, auf der die Spieler glänzten – und sich damit automatisch ins Visier anderer Klubs spielten.

Die starke Saison hatte ihren Preis: Gleich mehrere Vereine griffen im Kader der Löwen zu und sicherten sich echte Leistungsträger. Auch Cheftrainer Jesús Ramírez, als Trainer des Jahres in der Basketball-Bundesliga (BBL) ausgezeichnet, verließ den Klub. Natürlich schmerzt es, solche Erfolgsgaranten zu verlieren. Aber: Wer Talente entwickelt und gestandene Kräfte noch besser macht, die andernorts gefragt sind, macht offenbar einiges richtig.

So sieht es auch Nils Mittmann, Geschäftsführer und Sportdirektor der Löwen: „Natürlich weckt sportlicher Erfolg Begehrlichkeiten“, sagt er. „Doch wir gewinnen mit unserem Klub an Strahlkraft – und machen uns mehr und mehr einen Namen in der Basketball-Szene.“

Ein Vorteil, der sich auch auf dem Transfermarkt auszahlt – gerade dann, wenn es darum geht, Spieler und deren Berater von der eigenen Idee und der Attraktivität des Standorts zu überzeugen. Auf einem Markt, der von wachsender Konkurrenz durch US-Colleges und steigenden Gehältern geprägt ist, halten die Basketball Löwen geradlinig an ihrem Kompass fest. „Wir haben eine klare sportliche Ausrichtung und wissen genau, welche Spielertypen wir für uns gewinnen wollen“, sagt Mittmann – und verweist auf das Beuteschema der Löwen: jung, wild, hungrig.

So wie bei Joshua Obiesie, der nicht einfach ein Neuzugang ist, sondern eine echte Wunschlösung. „Er ist ein Spieler, den wir schon seit mehreren Sommern immer wieder nach Braunschweig holen wollten“, sagt Nils Mittmann. Jetzt hat es endlich geklappt – und der gebürtige Münchner soll bei den Löwen unter Headcoach Kostas Papazoglou eine zentrale Rolle übernehmen.

Der 25-Jährige bringt dafür die besten Voraussetzungen mit: variabel einsetzbar auf den Positionen eins bis drei, athletisch, kreativ – mit der Fähigkeit, Spiele zu lenken und im richtigen Moment auch selbst zu entscheiden. Dass er Verantwortung übernehmen kann, hat Joshua Obiesie längst bewiesen: In Frankfurt zeigte der Linkshänder eine starke Saison, wurde anschließend ins NBA-Trainingscamp der Houston Rockets eingeladen und sammelte zuletzt internationale Erfahrung in Frankreich und Griechenland.

Auch im Frontcourt haben sich die Löwen gezielt verstärkt. Mit David N’Guessan kommt ein ganz anderer Spielertyp – aber nicht weniger spannend. Talente gibt es viele, doch nur wenige verbinden sie mit Charakter und Teamgeist. David N’Guessan gehört zu diesen Spielern. An der Kansas State University wurde er gerade deshalb zum Fanliebling. Jetzt soll er die Basketball Löwen bereichern.

Mit seinen 2,06 Metern ist der niederländische Nationalspieler zwar als klassischer Big Man vorgesehen – doch wer ihn nur auf Rebounds, Blocks und Würfe aus der Nahdistanz reduziert, greift zu kurz. „David hat ein gutes Ballhandling, kann passen, Spielzüge initiieren und den Ball über das ganze Feld bringen“, beschreibt Nils Mittmann die Vielseitigkeit des 25-Jährigen. Nach fünf Jahren College-Basketball ist Braunschweig sein erster Profi-Stopp – und damit genau das Umfeld, in dem er vom Talent zur festen Größe wachsen kann.

Für Struktur und Sicherheit soll ein anderer sorgen: Mit 30 Jahren gehört man eigentlich noch nicht zum alten Eisen – bei den Basketball Löwen aber schon. Tatsächlich ist Philipp Hartwich der Älteste im Team und soll mit seiner Erfahrung ein wichtiger Anker im Spiel der Braunschweiger sein. „Führung auf und neben dem Feld“, wünscht sich Geschäftsführer Nils Mittmann von ihm.

Seine Stimme hat Gewicht: Der gebürtige Kölner studierte in den USA Kommunikationswissenschaft, kommentierte Basketballspiele für Streaming-Dienste und hat Kolumnen im Fachmagazin BIG veröffentlicht. Mit seiner Größe von 2,18 Metern ist der wortgewandte Center prädestiniert, am Brett aufzuräumen – und Gegnern vorne wie hinten das Fürchten zu lehren.

Es gibt Menschen, die betreten einen Raum – und sofort liegt alle Aufmerksamkeit auf ihnen. Joshua Hawley ist so einer. Ob beim kurzen Plausch mit den Mitarbeitern der Geschäftsstelle oder im Training mit den Teamkollegen: Der Texaner hat fast immer ein Lächeln auf den Lippen – und bringt eine Energie mit, die ansteckend wirkt.

Genau das soll er auch auf dem Parkett zeigen: Mit Athletik, Dynamik und Präsenz soll er seine Mitspieler mitreißen. Der 28-Jährige bringt die Erfahrung dafür mit – 2023 spielte Hawley eine zentrale Rolle beim Meistertitel von ratiopharm Ulm.

In Braunschweig ist er auf den Positionen vier und fünf eingeplant, also dort, wo traditionell die kräftigen Jungs unterm Korb zuhause sind.

„Josh soll unserem Spiel Stabilität geben und unsere Mannschaft anführen“, sagt Nils Mittmann.

Zum Saisonstart müssen die Löwen allerdings auf ihn verzichten – Joshua Hawley fällt verletzungsbedingt für einige Wochen aus.

Es war der letzte Transfer des Sommers – und ein ganz wichtiger: Mit Grant Sherfield holten die Löwen genau den Spielertyp, der noch fehlte. Einen, der Punkte liefern kann, sich seinen eigenen Wurf kreiert und in engen Spielen die Entscheidung sucht. In Braunschweig soll er zeigen, dass er mehr ist als ein reiner Scorer.

„Wir wollen ihm helfen, seine unbestrittene individuelle Klasse mit erfolgreichem Teambasketball zusammenzubringen“, sagt Nils Mittmann. Seine letzte Station führte den US-Amerikaner in die Türkei, zu Yalova – Seite an Seite mit einem alten Bekannten. Ex-Löwen-Kapitän Martin Peterka bestärkte die Basketball Löwen in ihrer Meinung: Grant Sherfield ist ein guter Griff.

Und dann gibt es noch die echten jungen Wilden: Spieler wie Adrian Worthy, Cavit Gürbüzer und Lennart Römer. Für diese Hoffnungsträger geht es zunächst darum, im Trainingsalltag zu lernen, sich weiterzuentwickeln und an das Niveau der BBL heranzutasten – und vielleicht sogar schon erste Minuten in der Bundesliga zu schnuppern.

Besonders bei einem wie Lennart Römer fühlen sich die Fans verbunden: ein 18-Jähriger aus Wolfenbüttel, beim MTV seiner Heimatstadt groß geworden und nun im Löwen-Trikot angekommen. „Für mich eine tolle Geschichte“, sagt Nils Mittmann.

„Er ist ein Spieler mit viel Herz und Leidenschaft – wir können sehr froh sein, ihn bei uns zu haben.“

Und froh sind alle, dass der Transfersommer vorbei ist. Zurück zu Trikot, Ball – und echtem Spieldruck. Ab sofort geht es wieder um Punkte, Siege und Glücksmomente. Und darum, dass Basketball-Deutschland erneut nach Braunschweig schaut. Denn diese Löwen haben noch lange nicht genug. 

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