Wirtschaft
Zwei Namen. Zwei Lebenswege.
Wie zwei Braunschweiger Politiker über Herkunft, Verantwortung und persönliche Haltung sprechen.
Von Patrick Brinkmann
Wahlkampfzeiten sind laut. Politik wird oft über Programme, Mehrheiten und Konflikte erzählt. Wahlkämpfe verdichten Positionen, Diskussionen werden zugespitzt, Entscheidungen bewertet. Doch hinter jedem politischen Amt steht auch ein Mensch – geprägt von Herkunft, Familie, Erfahrungen und persönlichen Wendepunkten.
Zwei Wege – ein gemeinsamer Kern
Was bleibt nach diesen beiden Gesprächen? Zwei unterschiedliche Biografien. Zwei politische Richtungen. Zwei persönliche Geschichten. Und doch verbindet beide mehr, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Beide sprechen über Familie als Halt. Beide beschreiben Verantwortung nicht als abstrakten Begriff, sondern als persönliche Aufgabe. Und beide formulieren – auf ihre eigene Weise – denselben Anspruch: Authentisch bleiben. Sich nicht verlieren. Und auch in einer öffentlichen Rolle Mensch bleiben. Vielleicht ist genau das die leise Gemeinsamkeit hinter allen politischen Unterschieden.
Oder, in ihren eigenen Worten:
Thorsten Kornblum: „Dass ich leidenschaftlich meine Pflicht erfüllt habe – und trotzdem Mensch geblieben bin.“
Maximilian Pohler: „Man soll sagen: Der war authentisch.“
Im Superwahljahr fragen wir anders: Für diese Ausgabe von Stadtglanz haben wir uns bewusst entschieden, nicht nach Programmen, Strategien oder Wahlversprechen zu fragen. Stattdessen wollten wir wissen: Wer ist der Mensch hinter der Kandidatur? Was hat ihn geprägt? Was trägt ihn? Was bleibt, wenn das Amt einmal endet? Stadtglanz führte die Gespräche gemeinsam mit dem Polit-Experten Patrick Brinkmann, um auch in einem persönlichen Format journalistische Tiefe und Einordnung zu gewährleisten.
Beide Kandidaten erhielten denselben Fragenrahmen und die gleiche Bühne, um ihren persönlichen Weg zu erzählen. Das Ergebnis sind zwei sehr unterschiedliche, zugleich aber in vielen Punkten überraschend ähnliche Geschichten über Herkunft, Familie, Verantwortung – und über die leise, aber entscheidende Frage: Wie bleibt man in der Politik eigentlich Mensch? Ein persönlicher Blick auf zwei Kandidaten – ohne Programme, ohne Parolen – ein Doppelporträt.
Thorsten Kornblum:
„Politik beginnt oft mit einem Gefühl für Gerechtigkeit.“
Die Geschichte von Thorsten Kornblum beginnt nicht in einer Großstadt, sondern im Emsland. Geboren in Lingen, aufgewachsen in einem Dorf, geprägt von Gemeinschaft, Verlässlichkeit und einem klaren Werteverständnis. „Im Dorf kennt jeder jeden“, sagt er. „Man hilft sich, man diskutiert miteinander.“ Es ist ein Satz, der viel über seine Haltung verrät – und über das Fundament, auf dem sein politisches Denken bis heute steht. Sein Vater war Kfz-Meister, später Betriebsrat und Aufsichtsratsmitglied. Seine Mutter arbeitete als Bürokauffrau. Beide legten großen Wert auf Bildung. „Meine Eltern haben immer darauf geachtet, dass wir unsere Chancen nutzen.“ Kornblum war der Erste in seiner Familie, der studierte – ein Schritt, der für ihn nie selbstverständlich war. Diese Herkunft hat ihn geprägt. Nicht laut, nicht ideologisch, sondern eher leise – als Haltung. „Politik beginnt oft mit einem Gefühl für Gerechtigkeit“, sagt er. Ein Satz, der wie ein roter Faden durch seinen Werdegang führt.
Schon früh engagierte er sich in der Schule – als Klassensprecher, später in Gremien. Es ging ihm weniger um Macht als um Mitgestaltung. Um die Frage: Wer wird gehört? Und wer nicht? Nach dem Abitur zog es ihn zum Jurastudium nach Münster. Dort vertiefte sich sein politisches Interesse.
„Recht und Politik sind eng miteinander verbunden“, sagt er heute. Die juristische Perspektive habe ihm geholfen, politische Entscheidungen besser zu verstehen – und ihre Konsequenzen einzuordnen.
Als er später nach Braunschweig kam, fand er etwas wieder, das ihn an seine Kindheit erinnerte. „Braunschweig ist Großstadt und Dorf zugleich.“ Eine Stadt, in der Urbanität und Nachbarschaft nebeneinander existieren – genau diese Mischung fasziniert ihn bis heute.
Privat ist Kornblum Familienmensch. Er lebt mit seiner Frau – die er bereits aus der Schulzeit kennt – und den gemeinsamen drei Kindern in Braunschweig. Seine Frau arbeitet als Ärztin in der Anästhesie, Notfall- und Intensivmedizin. Zwei Berufe, die beide fordern. Zwei Lebensrealitäten, die Organisation verlangen. „Wenn nichts Ungeplantes passiert, funktioniert das ganz gut“, sagt er – und lächelt. Was mit drei Kindern natürlich selten der Fall ist. Gerade deshalb sind es die einfachen Momente, die für ihn zählen: Spaziergänge, Zeit im Garten, Ausflüge in den Harz. „Manchmal reicht es schon, draußen zu sitzen und zuzusehen, wie die Kinder spielen.“
Auch Serien und Bücher helfen ihm abzuschalten. „Breaking Bad“, „Suits“ oder „Game of Thrones“ gehören zu seinen Favoriten. Doch wichtiger als jede Serie ist ihm etwas anderes: Humor. „Man muss auch über sich selbst lachen können.“ Wenn er über Politik spricht, wird er ruhiger. Ernsthafter. „Politik bedeutet Verantwortung.“ Und gleichzeitig: „Man darf sich vom Amt nicht verändern lassen.“
Sein Anspruch ist klar – und persönlich formuliert: „Am Ende geht es darum, Mensch zu bleiben.“
Maximilian Pohler:
„Authentisch bleiben – auch wenn es unbequem wird.“
Es gibt Orte, die mehr sind als nur ein Punkt auf der Karte. Für Maximilian Pohler ist die Celler Straße in Braunschweig genau so ein Ort. Dort wurde er geboren. Und dort kam letztes Jahr auch sein Kind zur Welt. „Das hat für mich etwas Besonderes“, sagt er. „Ein Kreis, der sich schließt.“ Aufgewachsen ist Pohler im Kanzlerfeld – einem Stadtteil geprägt von Grünflächen, gewachsenen Nachbarschaften und einer gewissen Bodenständigkeit. Heute lebt er wieder dort. Zurück an einem Ort, der für ihn Kindheit, Herkunft und Zukunft verbindet.
Seine Eltern arbeiteten beide – die Mutter beim Zahnarzt, der Vater bei Volkswagen. Viel Zeit verbrachte er deshalb bei seinen Großeltern. „Ich hatte mehrere Menschen, die sich intensiv um mich gekümmert haben“, sagt er. Eine Erfahrung, die ihn bis heute prägt. Familie ist für ihn ein Rückzugsort – und sein Kompass. „Familie erdet mich – gerade in der Politik.“ Vor allem seine Mutter spiele dabei eine wichtige Rolle. „Sie sagt mir offen, wenn sie etwas kritisch sieht.“ Ehrliches Feedback, das in der politischen Welt nicht selbstverständlich sei.
Schon früh begann er, sich zu engagieren. Am Martino Katharineum war er in der Schülervertretung aktiv, wurde schließlich Schülersprecher. Für ihn war das kein Zufall. „Ich wollte nicht nur zuschauen – ich wollte gestalten.“ Mit 18 trat er in die CDU ein. Nach dem Abitur begann er ein Jura-Studium in Göttingen – zunächst mit Zweifeln. „Ich wollte das Studium abbrechen“, sagt er offen. Der Wendepunkt kam unerwartet: eine Vorlesung über Europa- und Völkerrecht. „Plötzlich hatte ich das Gefühl: Das interessiert mich wirklich.“
Diese Erfahrung öffnete ihm den Blick für größere Zusammenhänge. Besonders prägend war später seine Zeit als Mitarbeiter einer Abgeordneten im Europäischen Parlament.
„Europa aus nächster Nähe zu erleben, verändert den Blick auf Politik.“
Heute arbeitet Pohler im Landesdienst der Polizei Niedersachsen als Jurist – eine Aufgabe, die juristische Präzision und Verantwortungsbewusstsein verbindet. Trotz politischer Ambitionen beschreibt er sich selbst als bodenständig. Seine Freizeit verbringt er mit Sport – Joggen, Fitness oder Spaziergänge im Bürgerpark. Ju-Jutsu hat ihn früh geprägt. „Das hat mich diszipliniert.“
Eine zweite Leidenschaft entdeckte er später: das Lesen. Ausgerechnet durch einen Lehrer, der ihn zwang, täglich die FAZ zu lesen. „Damals fand ich das furchtbar – heute bin ich dankbar.“ Heute liest er politische Biografien, Sachbücher, historische Analysen. Und manchmal wird er sogar kreativ: Gemeinsam mit einem Freund entwickelte er einmal ein eigenes Bier – „Turbo-Pils“.
Doch seit der Geburt seines Kindes hat sich vieles verändert. „Seit mein Kind da ist, haben sich viele Prioritäten verschoben. Wo früher studentisches Leben dominierte, stehen heute Ruhe, Familie und gemeinsame Zeit im Mittelpunkt.“
Wenn Pohler über Politik spricht, fällt ein Begriff immer wieder: Authentizität. „Viele versuchen, es allen recht zu machen. Das funktioniert nicht.“ Er glaubt daran, Haltung zu zeigen – auch wenn es unbequem wird. „Man muss manchmal auch Dinge aussprechen, die nicht jedem gefallen.“
Sein Maßstab ist dabei überraschend einfach – und sehr persönlich: „Am Ende muss ich morgens noch in den Spiegel schauen können.“
Mehr aus dieser Rubrik
Zur Startseite
