Wirtschaft
Sei der Busfahrer deines Lebens!
Familiensache Unternehmertum
Von Timo Grän
Wie Michael Tomerius aus Wolfenbüttel ein weltweites MedTech-Unternehmen formte – und warum seine Familie sein stärkstes Fundament ist. Wer Michael Tomerius begegnet, steht einem Mann gegenüber, der spürbar in sich ruht. Jemand, der die Welt bereist, globale Märkte entwickelt, medizinische Innovationen vorantreibt – und trotzdem stets weiß, wo sein Zuhause ist: Wolfenbüttel – Familie, Werte, Herkunft. Der Geschäftsführer der Dermaroller GmbH, eines heute weltweit tätigen Medizintechnikunternehmens, verbindet all das, was den Begriff Familienunternehmen im besten Sinne ausmacht: Tradition und Zukunft, Konsequenz und Empathie, Disziplin und Wärme. Sein persönlicher Weg zeigt, dass Unternehmertum nicht nur eine wirtschaftliche Aufgabe ist, sondern eine biografische – geprägt von Kindheit, Charakter und innerer Haltung.
Aufgewachsen zwischen Medizin und Verantwortung
Dass Tomerius heute Medizintechnikunternehmer ist, liegt nicht allein an unternehmerischem Instinkt. Vieles hat seine Wurzeln in seiner Kindheit. Aufgewachsen in einem Ärztehaushalt, Sohn von Reinhard und Edelgard Tomerius, Enkel eines Wolfenbütteler Ärztepaares, erlebte er Medizin nicht als abstrakten Beruf, sondern als täglichen Rhythmus einer Familie. „Ich bin praktisch in einer kleinen Frauenklinik groß geworden“, sagt er und lächelt. „Ich habe früh gesehen, wie anspruchsvoll der Arztberuf ist – und wie viel Verantwortung er bedeutet.“
Gerade diese Erkenntnis – die Schönheit, aber auch die Härte, die Belastung und den Druck im medizinischen Alltag – führte dazu, dass er sich bewusst gegen die Praxis und für die Technik entschied. Er absolvierte eine Ausbildung zum Auslands- und Großhandelskaufmann für Medizintechnik in Stuttgart, studierte Vertriebs- und Marketingmanagement und sammelte internationale Erfahrung bei Unternehmen wie Olympus Medical, Fisher & Paykel Healthcare (Neuseeland) und Spaces Medical (USA).
Doch die entscheidende Weichenstellung kam von unerwarteter Seite: Seine Eltern hatten ein Problem mit einem Produkt. Ein kleines Gerät, ein Prototyp, eine Idee. Heute weltbekannt: der Dermaroller.
Ein riskanter Schritt – und der Beginn einer Mittelstandssaga
Als Tomerius 2009 endgültig in das Unternehmen einstieg, war Dermaroller alles andere als ein globaler Player. „Wir waren zu dritt. Ein echtes Start-up. Keine Normen, keine Strukturen, keine Prozesse. Es gab das Produkt – mehr nicht.“ Der Umsatz lag bei rund 300.000 Euro. Tomerius hatte in seinem alten Job bei Olympus ein gesichertes Einkommen, eine stabile Karriere, internationale Perspektiven. Doch er kündigte.
Viele sagten: Wir sehen Sie bald wieder.
Das war nicht böse gemeint – es sah einfach wirklich so aus.“
Die Geschichte verlief anders. Sehr anders. Binnen nur drei Jahren entwickelte sich Dermaroller von einem regionalen Start-up zu einem Unternehmen mit 20 Millionen Euro Jahresumsatz. Heute beschäftigt die Unternehmensgruppe rund 55 Menschen weltweit. Mit Niederlassungen in London, New York, Hongkong, Shanghai, sowie einer japanischen Marken- und Zulassungseinheit. Aus einer einzigen Idee wurde ein globales Netzwerk. Und aus einem Prototypen ein Produkt, das heute weltweit in Kliniken, Praxen, Studios und Apotheken eingesetzt wird.
Familie als Rückhalt – und als gelebter Wert
Trotz aller Professionalität bleibt Tomerius ein durch und durch familiärer Mensch. „Work-Life-Balance? Das ist bei uns ehrlicherweise eine Illusion. Die Firma sitzt bei uns immer mit am Tisch“, sagt er offen. Seine Schwester arbeitet als Sicherheitsbeauftragte im Unternehmen. Seine Frau verantwortet das Rechnungswesen und hält die Strukturen zusammen, wenn er – bis zu einem halben Jahr jährlich – auf Reisen ist. Seine Kinder, beide inzwischen junge Erwachsene, sind ebenfalls eingebunden: die Tochter im Social Listening und Marketing, der Sohn begleitet ihn auf Dienstreisen, vor allem in den asiatischen Raum.
Diese Nähe ist Chance und Herausforderung zugleich. Nähe bedeutet Vertrauen – aber auch dauerhafte Verantwortung. „Entscheidungen, Belastungen und Zweifel – all das kommt irgendwann zu Hause an. Deshalb braucht man Ehrlichkeit. Und Stabilität.“
Die Grundwerte der Familie sind klar definiert:
- Freiheit endet dort, wo sie die Freiheit anderer einschränkt.
- Disziplin schlägt Enthusiasmus.
- Loyalität ist kein Bonus, sondern eine Haltung.
- Respekt gilt immer – im Privaten wie im Geschäftlichen
Ein Regelwerk, das nicht belehrt, sondern Orientierung gibt.
Vom Wohnzimmer ins Unternehmen: Familienwerte als Firmenkultur
Was im Privaten gilt, prägt auch die Firma. Doch nicht als autoritäre Anweisung, sondern als gemeinsame Leistung. „Wir haben eine Firmenbibel – das Dermaroller-Prinzip. Geschrieben nicht von mir, sondern von unseren Mitarbeitenden.“
Diese Kulturfibel definiert:
- wie im Unternehmen kommuniziert wird,
- wie Konflikte gelöst werden,
- wie Führung funktionieren soll,
- wie Mitarbeitende Wertschätzung erfahren
- und welche Prinzipien das Zusammenarbeiten bestimmen.
Die Prinzipien hängen als Poster in den Fluren, werden im Onboarding vermittelt und sind Teil jeder Weiterentwicklung. „Kultur kann man nicht diktieren. Sie entsteht. Und wenn Mitarbeitende sie selbst formulieren, wird sie gelebt.“ Tomerius glaubt fest daran, dass ein Familienunternehmen durch seine Kultur stark wird – nicht durch Hierarchie. „Leistung soll sich lohnen – aber sie soll auch Freude machen. Wir bieten 4- und 5-Tage-Wochen, Bonusmodelle, private Kranken- und Unfallversicherungen, tägliche Verpflegung. Wer hart arbeitet, soll auch gut leben.“
Weltmarkt vs. Heimat: Warum Wolfenbüttel bleibt – vorerst
Als einer der letzten deutschen Hersteller von medizinischen Micro-Needling-Systemen produziert Dermaroller weiterhin in Wolfenbüttel. Ein Umstand, den Tomerius nicht romantisiert, sondern immer wieder neu hinterfragt.
„Deutschland ist ein Hochsteuerland mit hohen Produktionskosten. Ich begrüße Mindestlohn und soziale Standards – aber international wird es immer schwerer, mitzuhalten.“
Zudem verschärfen Fachkräftemangel und Bürokratie die Lage. Viele Wettbewerber wanderten nach Asien oder Osteuropa ab. Trotzdem hält er an Wolfenbüttel fest. Aus Heimatverbundenheit, aber auch aus Verantwortung gegenüber langjährigen Mitarbeitenden.
„Langfristig“, sagt er offen, „könnte ein Teil der Produktion jedoch ins Ausland verlagert werden müssen – durch strategische Partnerschaften oder Beteiligungen. Tradition ist nur dann sinnvoll, wenn sie Zukunft hat. Und Zukunft braucht Bewegung.“
Kampfsport als Lebensschule – und Strategieinstrument
Eine weitere Säule seiner Philosophie ist der Kampfsport. Bereits in seiner Jugend prägte ihn das Training, die Disziplin, der Umgang mit Druck. Heute teilt er diese Werte mit seinem Team. Der Physiker und Kampfsportlehrer Dr. Dima Djuraev vermittelte ihm ein Modell, das in Tomerius’ Leben eine zentrale Rolle spielt:
Überblick > Kontrolle > Druck > Dominanz > Abschluss
Ein Prinzip, das sich auf nahezu jede Lebens- und Arbeitssituation übertragen lässt:
- Wer Überblick hat, gerät nicht in Panik.
- Wer Kontrolle gewinnt, kann handeln.
- Wer Druck aushält, wächst.
- Wer Dominanz zeigt, gestaltet.
- Und wer abschließt, erreicht sein Ziel.
In Workshops lässt Tomerius Mitarbeitende auf der Matte Grappling erleben, Drucksituationen spüren, körperlich wie psychologisch:
Es geht nicht um Gewalt. Es geht darum, Grenzen zu erkennen, Verantwortung anzunehmen und strategisch zu handeln. Genau wie im Business.“
Soziales Engagement: Herz zeigen, wenn man kann
Tomerius unterstützt seit Jahren Vereine, Einzelsportler, Jugendteams und soziale Organisationen – unter anderem die regionalen Basketball Löwen oder auch das VfL Wolfsburg-Frauenteam, Kampfsportvereine und die Tafel. „Früher konnte ich es kaum erwarten, an Weihnachten etwas zu bekommen. Heute kann ich es kaum erwarten, etwas zu geben.“ Er ist überzeugt: Wer Erfolg hat, hat Verantwortung – und sollte sie leben.
Familie als Kompass – auch in schwierigen Zeiten
Unternehmersein bedeutet oft: Entscheidungen alleine treffen, Zweifel aushalten, Niederlagen wegstecken. „Ohne meine Frau wäre das alles nicht möglich gewesen. Sie hält die Familie zusammen, wenn ich unterwegs bin – manchmal monatelang.“ Seine Kinder feierten manche Geburtstage ohne ihn – die Medizintechnikindustrie diktiert ihre eigenen Rhythmen. Trotzdem ist das Verhältnis eng, innig, stabil. „Es ist eine Mischung aus Demut und Dankbarkeit, wenn man erkennt, dass die Familie nicht nur mitträgt, sondern einen stärkt.“
Sein Rat: Leidenschaft, Haltung – und der Busfahrer
Was er jungen Menschen, Unternehmerinnen und Unternehmern oder jenen mitgibt, die ihren Weg noch suchen? „Mach das, was du mit Herz tust. Nicht mit Ellbogen. Leidenschaft ist schön – aber Passion, echte Passion, kommt von innen.“ Ein Freund gab ihm einst das Bild vom Busfahrer mit auf den Weg – ein Bild, das sein Denken bis heute prägt:
„Du bist der Busfahrer deines Lebens. Vorne steht dein Ziel. Menschen steigen ein, Menschen steigen aus. Du musst trotzdem fahren. Konsequent. Mit Herz. Mit Mut.“
Dieses Bild beschreibt nicht nur seinen beruflichen Weg. Es beschreibt seine Identität – als Familienunternehmer, als Mensch, als Vater und als jemand, der weiß, dass Erfolg immer eine Mannschaftsleistung ist.
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