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Lifestyle

16. April 2026

Erst Co, jetzt Kopf

Kostas Papazoglou hat früh gelernt, was es heißt, Verantwortung zu tragen. Schon in jungen Jahren war er Coach in einer der härtesten Ligen Europas – und musste sich sofort beweisen. Jetzt hat er bei den Basketball Löwen Braunschweig den Sprung vom Assistenztrainer zum Headcoach geschafft.

Von Stefan Boysen

Kostas Papazoglou

Kostas Papazoglou

Nach dem Abschied von Jesús Ramírez übernahm der Grieche den Posten an der Seitenlinie – und hat seither das große Ganze im Blick. Im Interview mit Stefan Boysen spricht der 41-Jährige über seine Wurzeln im griechischen Basketball, den Kampf um Stabilität und Entwicklung im Team – und darüber, wie ihn die Geburt seiner Tochter verändert hat.

Herr Papazoglou, Sie waren gerade einmal 22 Jahre alt, als Sie Assistenzcoach in der ersten griechischen Liga wurden. Wie schwer war es für Sie, in diesem Alter von gestandenen Profis ernst genommen zu werden?
Das Gute war: Ich sah damals etwas älter aus – das hat sicher geholfen. Ich kam frisch von der Uni, hatte Basketball-Coaching studiert, war voller Energie – aber eben auch sehr jung. Und plötzlich stand ich in einer professionellen, extrem harten Liga an der Seitenlinie – mit Spielern, die nicht mehr entwickelt werden sollten, sondern einfach abliefern mussten. Für sie war es anfangs ungewohnt, einen so jungen Coach vor sich zu haben. Aber als sie merkten, dass ich wusste, wovon ich sprach, wuchs das Vertrauen nach und nach. Wenn du dich in so jungen Jahren behauptest, bekommst du am Ende sogar mehr Respekt – gerade weil du so jung bist. Diese Erfahrung war für mich unglaublich wertvoll.

Sie haben sich schon früh für den Trainerweg entschieden. Was hat Sie daran so gereizt? Und warum gerade Basketball?
Ich war als Kind komplett basketballverrückt. Während viele andere auf dem Fußballplatz standen, wollte ich immer nur eines: Basketball spielen. Ich habe ein gutes Gespür für das Spiel – und für Menschen. Ich konnte früh Situationen lesen, verstehen, was auf dem Feld passiert, und gut mit Mitspielern umgehen. Irgendwann habe ich gemerkt: Wahrscheinlich werde ich das Niveau, von dem ich träume, nicht als Spieler erreichen – aber vielleicht als Coach. Also habe ich mich entschieden, in meiner Heimatstadt Thessaloniki Sportwissenschaften zu studieren – mit dem klaren Ziel, Trainer zu werden. Meine Mutter hätte mich lieber als Arzt oder Anwalt gesehen, aber mein Vater hat mich bestärkt und gesagt: Mach das, was du liebst.

Viele kennen die griechische Basketballszene aus YouTube-Videos: volle Hallen, laute Fans, Pyro-Shows. Wie haben Sie diese Atmosphäre als junger Coach erlebt?
Panathinaikos, Olympiakos oder PAOK – das sind nicht nur Basketball-, sondern vor allem große Fußballklubs mit riesigen Fangruppen. Und diese Rivalitäten bringen sie auch mit in die Basketballhallen. Das ist ein großer Unterschied zu Deutschland, wo nur wenige Vereine so eine Fankultur mitbringen. Ein Moment ist mir bis heute im Kopf geblieben: Wir hatten ein Heimspiel mit AEK Athen gegen Olympiakos Piräus. Plötzlich wird das Spiel unterbrochen, keiner weiß warum – und dann sehen wir: Ein Fan ist auf den Korb geklettert und turnt dort herum, während die ganze Halle singt. Das war völlig verrückt.

Welche Elemente der griechischen Basketballkultur finden sich heute in Ihrer Arbeit als Chefcoach der Basketball Löwen wieder?
Aus Griechenland bringe ich vor allem defensive Härte und Spielintelligenz in der Offensive mit. Gleichzeitig wollen wir schnell spielen – das ist eher untypisch für den griechischen Basketball, aber wichtig für unser Team. Ansätze davon sieht man bereits, auch wenn solche Veränderungen Zeit brauchen. Man kann nicht in zwei oder drei Monaten alles umstellen – schon gar nicht unter den Bedingungen, die wir zuletzt hatten: mit internationalen Spielen im FIBA Europe Cup unter der Woche und einer langen Verletztenliste.

Welche Schwerpunkte haben Sie gesetzt, um dem Team Ihre Handschrift zu geben?
Mir ist wichtig, dass wir in allem, was wir tun – ob Training, Vorbereitung oder Spiel – eine klare Linie haben. Jeder Spieler soll genau wissen, was seine Rolle ist und was von ihm erwartet wird. Ein zentraler Punkt ist Intensität: Ich verlange viel Energie, vor allem in der Defensive. Ebenso wichtig ist Kommunikation – offen, direkt und ehrlich – mit den Spielern, aber auch im gesamten Staff. Ich bin überzeugt, dass dieses Team großes Potenzial hat, wenn wir Stabilität bekommen. Verletzungen kann man nicht kontrollieren, aber sie werden nicht die ganze Saison so bleiben. Wenn wir im Training konstanter arbeiten können, wird sich das auch in unserem Spiel widerspiegeln.

Was hat sich für Sie innerlich verändert, seit Sie in der ersten Reihe stehen?
Als Assistenzcoach bringt man sich ein und beeinflusst Entscheidungen – als Headcoach trifft man sie. Für mich fühlt sich das gar nicht so fremd an, weil ich auch früher schon viel Verantwortung übernommen habe. Ich habe nie leichtfertig etwas gesagt, sondern immer mit dem Bewusstsein, dass meine Worte Konsequenzen haben. Was sich aber ganz klar verändert hat, ist der Blick auf Team und Organisation. Als Headcoach denkt man nicht mehr nur an Taktik oder einzelne Spielsituationen, sondern an Rotation, Spielerpsychologie, Medienarbeit und den medizinischen Bereich – also das gesamte Gefüge.

Ihre Frau Eleftheria ist Psychologin. Hilft sie Ihnen dabei, mit dem Druck im Profisport besser umgehen zu können?
In Griechenland steht im Basketball jeder unter Druck – das kenne ich von klein auf. Eleftheria hilft mir deshalb weniger im Umgang mit Stress, sondern vielmehr im täglichen Miteinander mit Menschen. Sie unterstützt mich dabei zu verstehen, wie unterschiedliche Persönlichkeiten ticken – und wie ich sie ansprechen muss, um das Beste aus ihnen herauszuholen. Als ich 22 war, hat niemand über Persönlichkeit gesprochen. Du wurdest bezahlt, warst Profi – also hattest du zu liefern. Das hat sich inzwischen komplett verändert. Taktik ist nach wie vor wichtig, aber noch entscheidender ist heute die Verbindung zu den Spielern.

Ihre Tochter Marianna kam in diesem Jahr zur Welt. Hat sich dadurch Ihr Blick auf den Trainerjob verändert?
Meine Eltern haben früher oft gesagt: „Wenn du mal ein Kind hast, wirst du dich verändern.“ Und ich habe dann immer geantwortet: „Okay, schauen wir mal.“ Ehrlich gesagt: Meine Art zu coachen oder über Basketball nachzudenken, hat sich bisher kaum verändert – ich arbeite nach wie vor sehr viel. Was sich aber verändert hat, ist mein persönlicher Blick. Ich denke häufiger an zu Hause, schaue zwischendurch aufs Handy, um sicherzugehen, dass alles in Ordnung ist. Mein Alltag hat sich also noch nicht grundlegend gewandelt – aber ich hoffe, dass das mit der Zeit noch kommt. (lacht)

Sie sind mittlerweile in Ihrer sechsten Saison in Folge bei den Basketball Löwen. Was hält Sie hier – und wie hat diese lange Zeit Ihre Verbindung zum Klub und zu Braunschweig geprägt?
Meine Frau fühlt sich hier sehr wohl, unsere Tochter ist in Braunschweig geboren und wächst hier auf. Aber die Stadt ist schon lange zu einem zweiten Zuhause geworden. Ich fühle mich dem Klub sehr verbunden – ich weiß, wofür die Basketball Löwen stehen und was wir gemeinsam erreichen wollen. Diese Stabilität bedeutet mir viel, gerade weil ich in meiner Laufbahn auch ganz andere Erfahrungen gemacht habe. In Griechenland habe ich Phasen erlebt, in denen Gehälter nicht pünktlich oder gar nicht gezahlt wurden – und man trotzdem funktionieren musste. Heute weiß ich stabile, verlässliche Bedingungen wirklich zu schätzen.

Gibt es einen Moment in den vergangenen sechs Jahren, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Ich war ja schon 2012 ein Jahr hier bei den Löwen – und was mich aus dieser ersten Zeit besonders geprägt hat, war die Arbeit mit Dennis Schröder. Einen jungen Spieler in seiner Entwicklung zu begleiten und zu sehen, wie er mit gerade einmal 18 Jahren zu einem der besten Spieler der Liga wird – das war etwas ganz Besonderes. Und wenn ich heute an einen einzelnen Moment denke, dann vielleicht an meine Rückkehr nach Braunschweig. Als Dennis den Klub übernommen und mich angerufen hat. Diese Geschichte steht für etwas, woran ich wirklich glaube: Wenn man Menschen ehrlich unterstützt, respektvoll mit ihnen umgeht, ohne auf den eigenen Vorteil zu schauen – dann entsteht Vertrauen. Und manchmal führt genau das dazu, dass sich Wege wieder kreuzen.

 

 

 

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