Persönlichkeiten
Vom Prinzenpark zum Familienimperium
Der Bruder Che & die Familie der Legende Dennis Schröder: Zwischen Straße, Sport und Holdingstruktur
Von Timo Grän
Eine starke Mutter, fünf Kinder und ein Weltstar als kleiner Bruder und warum Reichtum für Che Schröder nichts mit Kontostand zu tun hat. Wenn Che Schröder über seine Familie spricht, beginnt er nicht bei NBA-Verträgen, Sponsordeals oder Holdingstrukturen. Er beginnt bei Gambia – einem kleinen, armen westafrikanischen Land, das für ihn trotzdem „reich im Herzen“ ist. Dort wird er geboren, dort prägen ihn früh Respekt, Disziplin, Gehorsam, Fleiß und der unbedingte Wille, für die eigene Familie Verantwortung zu übernehmen. Als seine Mutter nach Deutschland geht, um ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen, führt der Weg über Hannover nach Braunschweig – in den Prinzenpark, dorthin, wo später aus seinem kleinen Bruder Dennis ein weltbekannter Basketballstar wird.
„Arm, aber reich im Herzen“: Che Schröder über Herkunft, Werte und Business.
Heute, gut zehn Jahre nach dem NBA-Draft von Dennis Schröder, ist aus der Familie längst mehr geworden als „nur“ einer erfolgreichen Sportlerkarriere. Rund um den Point Guard ist ein beachtliches Familienunternehmen gewachsen: mit einer eigenen Media-Company, einer Sportagentur, Beteiligungen an Basketballklubs, Immobilienprojekten in Hamburg und München und mehreren GmbHs unter dem Dach einer Holding. Che steht als älterer Bruder und Geschäftsführer im Zentrum dieses Geflechts – als persönlicher Manager, Übersetzer zwischen Sport, Business und Familie und als jemand, der seine Wurzeln im Prinzenpark nie vergessen hat, genauso wie Dennis auch. Im Stadtglanz-Gespräch erzählt Che, wie aus einem Jungen von der Straße ein Unternehmer wurde, warum er seine Mutter trotz harter Erziehung für „alles richtig gemacht“ hält, er seinem Vater einen unbeschwerten Ruhestand ermöglicht und wie es ist, wenn plötzlich die halbe Welt dein Freund sein will – und weshalb echter Reichtum für ihn nichts mit Geld zu tun hat.
Ein Junge aus Gambia, ein Kind des Prinzenparks
Wer Che Schröder heute begegnet, sieht einen ruhigen, reflektierten Mann, der mit einer beeindruckenden Selbstverständlichkeit von Millionenverträgen, Holdingstrukturen und internationalen Partnern spricht. Doch seine Geschichte beginnt weit weg von Agentenbüros und Kanzleien – in Gambia, dem Heimatland seiner Mutter. Che wird dort als eines von fünf Kindern geboren. Mit seiner älteren Schwester gehört er zu denjenigen, die ihre ersten Lebensjahre noch in Westafrika verbringen. „Arm, aber irgendwie reich zugleich“, beschreibt er das Land: materiell fehlt vieles, aber die Menschen seien reich „vom Herzen her“. In dieser Umgebung wachsen die ersten Werte, die bis heute sein Leben prägen: an erster Stelle Respekt, dazu Bodenständigkeit, Fleiß, Disziplin und Gehorsam. Nichts fällt vom Himmel, alles muss erarbeitet werden – eine Haltung, die er nie abgelegt hat.
"Braunschweig ist schöner als Hannover“
Seine Mutter arbeitet früh und hart: in Restaurants, als Friseurin, wo immer sich eine Möglichkeit ergibt, etwas Geld zu verdienen. In dieser Zeit lernt sie den späteren Vater von Dennis kennen, einen deutschen Touristen, der ihren Weg nach Europa mitprägt. Über die Schwester der Mutter führt die Route erst nach Dänemark, dann nach Deutschland. Freunde und Familie in Hannover helfen beim Ankommen, doch schließlich landet die Familie in Braunschweig. Und Che lernt eine Stadt kennen, von der er heute noch sagt, sie sei ihm näher als jeder andere Ort.
Eine Mutter, die streng ist – und alles richtig macht
In Deutschland ist die Mutter die zentrale Figur. Der Vater von Che lebt viele Jahre in Italien, arbeitet dort als Fischer und Fabrikarbeiter, bevor er nach Gambia zurückkehrt. Der Alltag der Kinder spielt sich vor allem mit der Mutter ab – und die erzieht streng. Hausarrest gibt es nicht für einen Nachmittag, sondern für Wochen. Diskussionen helfen nicht. Regeln sind Regeln. Wenn Che Mist baut, gibt es Konsequenzen. Heute, als erwachsener Mann, schaut er darauf mit großer Klarheit: „Sie hat alles richtig gemacht“, sagt er. Seine Mutter habe selbst eine schwere Geschichte, sei „ein gebranntes Kind“ und habe trotzdem alles dafür getan, ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen. Härte und Liebe schließen sich für ihn nicht aus.
Parallel zur Schule arbeitet Che früh. Mit 14 trägt er Zeitungen aus, später steht er bei Burger King hinter der Theke, finanziert sich den Führerschein, unterstützt seine Mutter, zahlt Geld für die jüngeren Geschwister ein. Verantwortung ist kein abstrakter Wert, sondern Alltag.
„Ich bin seit frühester Jugend eine tragende Säule in der Familie“, sagt er – und meint das weder als Klage noch als Heldengeschichte, sondern als Fakt.
Straße, Sport und die Verantwortung für den kleinen Bruder
Wie viele Jugendliche im Prinzenpark kennt auch Che die Versuchungen der Straße: Drogen, Kriminalität, Gewalt. „Ich habe viel Mist gebaut“, sagt er offen. Doch die Mischung aus harter Erziehung zu Hause, tiefer Loyalität zur Familie und dem Bewusstsein, dass er als älterer Bruder eine Vorbildfunktion hat, hält ihn auf Kurs. Entscheidend ist auch der Sport. Auch das gilt für Dennis. Basketball, Fußball, Fitnessstudio, Tischtennis – Che und Dennis probieren alles aus, doch schnell zeigt sich, dass Basketball das große Talent des kleinen Bruders ist. Che fährt ihn zu Trainings, ist bei Spielen in Braunschweig und Berlin dabei, die Familie sitzt gemeinsam auf der Tribüne der „Alten Waage“. Der Sport schafft Struktur, verlangt Disziplin und verschafft zugleich einen Kanal für Energie und Emotionen. Für Dennis wird er zur Karriere, für Che zum Rahmen, in dem er Verantwortung übernimmt. Als Dennis mit 18, 19 Jahren in der Bundesliga auf sich aufmerksam macht, ist Che längst selbst im Berufsleben angekommen. Nach einer Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann arbeitet er im Lager bei New Yorker, wird später über einen Dienstleister bei Volkswagen eingesetzt, verdient solide und plant eigentlich, sich dort langfristig eine Existenz aufzubauen.
„Ich hätte wohl Meister gemacht und wäre bei VW geblieben“, sagt er rückblickend.
Der Draft – und ein Leben, das sich neu ausbreitet
2013 ändert sich alles. Dennis wird in den USA gedraftet – ein historischer Moment für die Familie. Die Einladung nach New York, um sich an jenem Abend vom Commissioner auf der Bühne die Hand schütteln zu lassen, lehnt Dennis ab. Stattdessen will er den Draft mit seiner Mutter, Che und den Geschwistern im Wohnzimmer erleben. Als sein Name fällt, beginnt nicht nur eine NBA-Karriere, sondern auch ein neues Kapitel Familiengeschichte.
Für Che ist dieser Moment ambivalent. Einerseits bittet ihn sein Bruder direkt: „Kündige deinen Job, komm mit rüber, ich will dich an meiner Seite haben.“ Andererseits ist seine Partnerin schwanger, er denkt an Sicherheit, an Verantwortung als Vater. Che entscheidet sich, zunächst zwei weitere Jahre bei VW zu bleiben, sich einen Festvertrag und eine spätere Freistellung zu sichern. Erst dann steigt er ganz in das „Familienbusiness“ ein – ein Begriff, der zu diesem Zeitpunkt mehr Vision als Struktur ist.
In den ersten Jahren ist vieles improvisiert. Es gibt Agenten, die Dennis sportlich vertreten, doch für das Leben darum herum – Medien, Interviews, Sponsoring, Reisen, Anfragen aller Art – wird Che zur ersten Anlaufstelle. Er ist derjenige, der das Handy klingeln hört, sortiert, filtert, übersetzt und versucht, gemeinsam mit der Mutter und der Familie kluge Entscheidungen zu treffen. Kurzfristig bedeutet das vor allem Stress und viel Lernarbeit. Langfristig ist es der Beginn einer unternehmerischen Reise.
Von der Garage zur Holding –
Die ersten eigenen Schritte als Unternehmer macht die Familie mit einer Streetwear-Marke aus dem Freundeskreis: Flexgang. T-Shirts, Hoodies, Caps – verkauft aus Garage und Keller, mit handgeschriebenen Quittungen und den ersten Gängen zum Steuerberater.
„Ich verstehe Steuern heute noch nicht komplett“, sagt Che lachend, „aber deutlich besser als damals.“
Was als Klamotten-Projekt beginnt, wird zur Schule des Unternehmertums. Welche Rechtsformen sind sinnvoll? Was bedeutet Doppelbesteuerung, wenn der Hauptwohnsitz in den USA liegt, aber in Deutschland Firmen aufgebaut werden? Welche Strukturen braucht man, wenn aus einer ersten GmbH plötzlich mehrere werden? Heute sind es sechs bis sieben Gesellschaften, die unter dem Dach der DS17 Management Holding organisiert sind – der zentralen Gesellschaft der Familie. Die Holding vergibt Darlehen, bündelt Verwaltung und Strategiethemen. Che ist dort Geschäftsführer, Dennis Gesellschafter. Darunter hängen unter anderem:
- eine Media-Company, in der die Persönlichkeitsrechte von Dennis gebündelt werden und über die Testimonial-Deals, Kampagnen und Kooperationen – etwa mit großen Automobilherstellern laufen,
- die Golden Circle Sports Agency, eine Spieleragentur, die in Kooperation mit Dennis’ amerikanischer Agentur Priority Sports junge Talente betreut – darunter Profis aus Braunschweig und hoch gehandelte Nachwuchsspieler,
- Beteiligungen an den Basketball Löwen Braunschweig,
- sowie Immobilien-Projektgesellschaften in Hamburg und München, die Grundstücke entwickeln, Bestandsgebäude abreißen und Neubauten realisieren.
Che versteht sich in diesem Gefüge als Generalist. Er kennt jede Gesellschaft, jeden Deal, jede Baustelle, ist aber nicht überall operativ im Tagesgeschäft. Ein kleines, eingespieltes Kernteam aus Anwälten, Steuerberatern und Partnern verantwortet die Details. Besonders wichtig ist ihm der langjährige Anwalt der Familie, mit dem er seit rund einem Jahrzehnt arbeitet.
Familienwerte im Unternehmertum
Was aber macht dieses Geflecht aus Firmen zu einem Familienunternehmen – und nicht nur zu einem professionell gemanagten Player im Sport- und Projektgeschäft? Für Che ist die Antwort klar: Es sind dieselben Werte, die seine Mutter ihm in Gambia und im Prinzenpark beigebracht hat. Respekt ist für ihn kein weichgespülter Begriff, sondern Grundlage jeder Zusammenarbeit. „Wenn du Menschen und ihre Zeit respektierst und dein Wort hältst, kommt das zurück“, sagt er. Ein Händedruck gilt ihm viel, Versprechen sind verbindlich.
Disziplin spielt ebenfalls eine zentrale Rolle. Nur weil der jüngere Bruder sportlich und finanziell auf einem Niveau angekommen ist, das vielen wie ein Traum vorkommt, heißt das nicht, dass Che sich ausruhen könnte. Er selbst müsse „mindestens so diszipliniert“ an seinen Aufgaben arbeiten wie Dennis an Wurf, Fitness und Spiel. Tut er es nicht, droht zwar kein Hausarrest mehr – sondern schlimmstenfalls dann die Insolvenz eines Unternehmens.
Und dann ist da die vielleicht schwierigste Übersetzung: Gehorsam. Das Wort hat im Deutschen einen strengen Klang, in Ches Verständnis bedeutet es aber vor allem Loyalität und die Bereitschaft, Verantwortung anzunehmen. Privat ist er der große Bruder, geschäftlich betrachtet sieht er Dennis als „Chef“, auch wenn der das selbst nie so formulieren würde. „Ich gebe ihm den Respekt, den er verdient“, sagt Che – für seinen Weg, seinen Einsatz, seinen Mut. Gleichzeitig ist es gerade diese gegenseitige Achtung, die Konflikte aushält: Man diskutiert, man streitet, man findet Lösungen.
Gefahr Reichtum: Freundschaften, Enttäuschungen und Schutzmechanismen
Mit Erfolg und Geld kommen neue Herausforderungen. Was früher der enge Kreis aus Freunden im Viertel war, wird plötzlich zu einem Netzwerk aus „Freunden“, Geschäftspartnern, Fans, Bekannten. In guten Zeiten lächelt jeder, in schwierigen bleiben nur wenige.
Che macht daraus keinen Hehl: Es gab Enttäuschungen – im privaten Umfeld wie im Business. Menschen, die sich nur melden, wenn es um Geld oder Vorteile geht. Geschäftspartner, die auf hohem Niveau versuchen, sich auf Kosten der Familie zu bereichern. „Wir sind eine Chance für viele geworden“, sagt er nüchtern – manchmal mehr als Menschen, oft aber vor allem als Zugang zu Kapital. Das hat Spuren hinterlassen. Che beschreibt sich weiterhin als offenen Menschen, aber die Leichtigkeit, mit der er früher auf andere zuging, ist verschwunden. Heute entscheidet er langsamer, hört auf sein Bauchgefühl, achtet auf Energie und Haltung eines Gegenübers. Neue Kontakte entstehen oft über die Kinder, über Schule und Sport, weniger über Partys oder Nightlife.
Gleichzeitig hat sich in den vergangenen Jahren ein kleiner Kreis von Menschen herauskristallisiert, die ohne jede Gegenleistung geholfen haben – und Hilfe auch nicht annehmen wollen. „Das vergesse ich nie“, sagt Che.
Botschaft an die nächste Generation
Am Ende des Gesprächs, gefragt nach einer Botschaft, die er jungen Menschen mitgeben würde, muss Che nicht lange überlegen. Seine eigene Biografie ist dafür Beispiel genug. Ein Junge, der auf der Hauptschule „einer der schlechtesten“ ist, der schlechte Noten schreibt, sich hocharbeitet zum erweiterten Realschulabschluss, vom Lager bei New Yorker zu einem gut bezahlten Job bei VW und weiter in die Welt von NBA, Testimonial-Deals und Immobilienprojekten. Dazwischen: Jahre harter Arbeit, Fleiß, Disziplin – und der feste Wille, der Familie ein besseres Leben zu ermöglichen.
Er hat die größte Armut gesehen und darüber hinaus eine Welt kennengelernt, in der Geld keine Rolle mehr zu spielen scheint. Seine Schlussfolgerung ist einfach und zugleich unbequem: Reichtum ist kein Kontostand. „Ich habe gesehen, wie reiche Menschen unglücklich sind und arme Menschen unglücklich sind – und umgekehrt“, sagt er. Entscheidend sei, ob man mit sich selbst im Reinen sei, ob man das tue, was einen erfüllt, und ob man Menschen um sich habe, denen man vertrauen könne.
Dass er selbst heute Vater ist, macht diese Perspektive noch konkreter. Er möchte seinen Kindern dieselben Werte mitgeben, die seine Mutter ihm vermittelt hat – nur ohne die Härte der damaligen Zeit. Respekt, Verantwortung, Fleiß, Disziplin. Und das Wissen, dass man auch als „Kind des Prinzenparks“ die Welt erobern kann, wenn man bereit ist, für seine Träume zu arbeiten.
So schließt sich der Kreis: vom kleinen Jungen aus Gambia, der in Braunschweig aufwächst, über den großen Bruder eines NBA-Stars bis hin zum Unternehmer, der gelernt hat, dass Familie und Business gemeinsam stark sein können – solange die Werte stimmen.
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