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Kultur

5. Mai 2026

Schloss Wernigerode

Das Märchenschloss am Harz

Von Dr. Christian Lechelt

Das Schloss Wernigerode auf dem Agnesberg

Foto: Michael Lumme

Vor Norddeutschlands schönster Mittelgebirgskulisse erhebt sich majestätisch über der Stadt Wernigerode ein märchenhaft anmutendes Schloss. Gleich einem Blütentraum des Historismus entstand hier im 19. Jahrhundert ein faszinierender Prachtbau, der den Vergleich mit der Marienburg bei Pattensen oder auch Neuschwanstein nicht zu scheuen braucht. 

Ursprünglich befand sich auf dem Wernigeröder Agnesberg die mittelalterliche Burganlage einer aus Schwaben stammenden Grafenfamilie. Im 15. Jahrhundert wurde sie von den Grafen zu Stolberg auf dem Erbwege übernommen. Die heutige Gestalt erhielt das Schloss unter Graf Otto zu Stolberg-Wernigerode (1837–1896), der es unter Bismarck nicht nur bis zum Vizekanzler brachte und enge Verbindungen zum Kaiserhaus pflegte, sondern obendrein 1890 von Wilhelm II. zum Reichsfürsten erhoben wurde. Sein Geld verdiente Otto durch Waldbesitz und Eisenhütten im Harz. Der Repräsentation seiner Stellung und seines Reichtums diente der 1862 begonnene Um- und Ausbau der Schlossanlage, der sich über 20 Jahre hinzog.

Otto engagierte dafür den zu Baubeginn gerade einmal 23 Jahre alten Architekten Carl Frühling, der sein Handwerkszeug am Collegium Carolinum in Braunschweig gelernt hatte. Er schuf mit spitzen Türmen, schmuckvollen Giebeln und verschachtelten Dachlandschaften ein dichtes und malerisches architektonisches Geflecht. Die Mauern aus Bruchstein und Sandstein vermitteln Masse und Ernst, doch die vielen filigranen Details brechen die Strenge auf. Die Fassaden scheinen wie ein fein abgestimmtes Spiel zwischen Wehrhaftigkeit und Repräsentation. Man erkennt noch die mittelalterlichen Wurzeln, spürt aber ebenso den romantischen Gestaltungswillen des späten 19. Jahrhunderts: das Bedürfnis, Geschichte nicht nur zu bewahren, sondern zu inszenieren.

Schloss Wernigerode ist zugleich ein historisches Dokument als auch ein gebautes Statement über den Umgang mit Geschichte im Sinne eines bewusst komponierten Bildes der Vergangenheit. Die Bauteile und die Ornamente fügen sich zu einer Gestalt, die weder monumental noch museal erstarrt wirkt. Stattdessen schafft der Bau eine Atmosphäre, die offen ist für Deutungen: romantisch, imposant, träumerisch, manchmal auch etwas exzentrisch. Ein Schloss, das nicht nur den Ort prägt, sondern sich selbst facettenreich in Szene setzt.

Dieser Eindruck wird bei einem Rundgang durch fast 40 original erhaltene und aufwändig restaurierte Räume noch verstärkt. Die Säle, Zimmer und Kammern beeindrucken mit ihren vielgestaltigen Interieurs und fantasievollen Details. Figürliche Schnitzereien und Steinmetzarbeiten sind überall zu entdecken. Kostbare Wandbespannungen aus Seide wechseln sich ab mit vergoldeten Tapeten und Wandmalereien. Einen Höhepunkt an Prachtentfaltung bietet der große Festsaal, der heute noch so aussieht wie in den 1880er Jahren. Die Räume lassen die Wohnkultur des deutschen Hochadels dieser Zeit so authentisch erleben, wie es andernorts kaum noch möglich ist.

Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Fürsten von Stolberg-Wernigerode enteignet wurden, ging das Schloss in den Besitz der Stadt über.  Sie richtete darin ein „Feudalmuseum“ ein, um ganz im Sinne sozialistischer Propaganda die Dekadenz der Aristokratie vorzuführen. So fragwürdig dies aus heutiger Sicht ist, trug es doch zum Erhalt des Schlosses und seines Inventars bei. Mehr noch wurden aus vielen weiteren enteigneten Schlössern, Burgen und Herrenhäusern Möbel, Kunstwerke und Ausstattungsobjekte aller Art nach Wernigerode verlagert und damit letztlich gerettet. Nach der Wende wurden sie an die ursprünglichen Eigentümer restituiert. Heute wacht die „Schloß Wernigerode GmbH“ nicht nur über das Gebäude, sondern trägt mit Umsicht eine ständig wachsende Sammlung zur Kunst- und Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts zusammen.

 

Schloß Wernigerode GmbH
Am Schloß 1
38855 Wernigerode
schloss-wernigerode.de
service@schloss-wernigerode.de

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