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Wirtschaft

28. Juli 2026

Josefs Welt

Die Hexenmeister der Künstlichen Intelligenz

Von Josef Penninger

Foto: Marc Stantien

Künstliche Intelligenz wird die Welt massiv verändern – das steht außer Zweifel. Sie setzt Wachstumsprozesse in Gang, die sowohl wirtschaftliche als auch gesellschaftliche Ebenen grundlegend umgestalten werden. Bildungseinrichtungen, Krankenhäuser und Behörden können entlastet, Fachkräfte durch KI-basierte Anwendungen ersetzt und wirtschaftliches Wachstum angeregt werden.

Gesellschaften sollen damit resilienter und reicher werden durch den so entstehenden Wohlstand.

Das ist die eine Seite der Medaille: Die andere ist, dass KI die Parameter für unser Leben fundamental umkrempeln wird – in Form von geänderten Berufsbildern, Ausbildungswegen oder veränderten demokratischen Grundwerten.

Es stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage: Wer trägt diese Veränderung? Wird KI die Welt nur verändern oder auch neu gestalten? Auf welche Reise uns diese Art der Technologie mitnimmt, ist noch nicht ganz klar: Die warnenden Stimmen, dass die Computer die Weltherrschaft an sich reißen und einen totalen Kontrollverlust bewirken werden, wechseln sich ab mit den Marktschreiern einer neuen Ordnung, die von Effizienz und einem Leben mit unzähligen digitalen Unterstützungssystemen geprägt ist.

Alan Turing hat den Begriff „Künstliche Intelligenz“ zwar nicht erfunden, gilt aber als geistiger Vater und Pionier in diesem Bereich. Mit seiner Frage, ob Maschinen denken können, hat er die Debatte maßgeblich befeuert. Der Begriff „Künstliche Intelligenz“ entstand einige Jahre später auf einer wissenschaftlichen Konferenz im Jahr 1956 am Dartmouth College, organisiert durch den Informatiker John McCarthy. Ein weiterer wichtiger Meilenstein war die Entwicklung von neuronalen Netzwerken oder der Large Language Models wie ChatGPT oder Gemini etc. Damit ist der Anwendungsbereich von KI förmlich explodiert. Wie jede großartige wissenschaftliche Innovation ist KI das Ergebnis der Ideen zahlreicher Forscher:innen vor uns und es hat Dekaden gebraucht, um diese zur Anwendung zu bringen. Die derzeitige Entwicklung ist jedoch nicht evolutionär, sondern eine Revolution. Es ist noch nicht geklärt, was uns die Zukunft bezüglich AI bringt. Dieser Black Box müssen wir uns stellen und lernen, damit umzugehen.

Walle! Walle!

Radikale Umwälzungen sind ja nichts Neues in der Geschichte der Menschheit. Mit der KI wird die Welt eine ganz andere werden, vor allem auf dem Gebiet der biomedizinischen Forschung bietet sie ungeahnte Chancen. 

Wir bei Helmholtz haben diesen Weg, den die KI vorgezeichnet hat, von Anfang an beschritten und stellen damit eine der zehn innovativsten Organisationen der Welt in Bezug auf KI dar. Tausende Forscher wenden diese Technologie täglich an, loten die Möglichkeiten aus und entwickeln neue Algorithmen. 
 
Die Datenmengen, die mittels dieser modernen Technologien im Bereich der Lebenswissenschaften und der biomedizinischen Forschung gewonnen werden, sind eigentlich ohne KI nicht mehr lesbar. Das erlaubt uns, neue Zusammenhänge zu erkennen, die sonst im großen Ozean der Daten untergehen würden. KI kann etwa dazu verwendet werden, um Muster von Erkrankungen auszulesen oder etwa in Körper- oder Hirnscans oder in Trillionen von Biomarkern von Millionen von Menschen voraussagen zu können, wer an Krebs, Alzheimer oder Herzinfarkt erkranken könnte. KI ist jetzt schon dazu imstande, künstliche neuronale Netzwerke darauf zu trainieren, MRT-Bilder zu vergleichen, um Regelmäßigkeiten, Muster und Abweichungen zu erkennen. KI stellt also einen fundamentalen Umbruch in der wissenschaftlichen Arbeit und Forschung dar.
 
Künstliche Intelligenz besitzt eine prometheische Kraft und kann im medizinischen Bereich aufgrund der Fülle an Daten und der daraus resultierenden personalisierten Medizin den Menschen eine längere und vor allem gesündere Lebenszeit bieten. Krankheiten wie Krebs und Alzheimer, und viele andere „Geißeln der Menschheit“, können eines Tages vorhergesagt und somit effizienter bekämpft werden.

Wehe! Wehe!

Allerdings ruft man hier auch Geister, die man unter Umständen schwer wieder loswird. Tritt ein Fehler im System auf, hat dies ungeahnte Auswirkungen und wirft komplizierte rechtliche, ethische und gesellschaftspolitische Fragen auf.
 
Was heißt das für die Betroffenen? Natürlich werden die Heilungschancen für die Patient:innen durch die Früherkennung verbessert. Allerdings könnte es sein, dass Versicherungen aufgrund des Risikopotentials gewisse Leistungen nicht mehr bezahlen. Eines ist unabdingbar: Wir brauchen klare Richtlinien, um die Zauberlehrlinge und ihre Geister, die wir gerufen haben, einzuhegen. 
 
Das zentrale Element sind die Daten, die wir KI-Programmen zur Verfügung stellen und mit denen wir KI-Programme trainieren. Mit unzureichenden Daten wird auch KI zu unzulänglichen Antworten kommen. Wie stellt man zum Beispiel sicher, dass biomedizinische Daten reproduzierbar sind, auch wenn sich die Methoden der Blutabnahme ändern oder unterschiedliche Laborergebnisse ausgelesen werden?

Wir haben mit unserem Team in den letzten zwei Jahren den ersten KI-trainierten Roboter in Deutschland namens „Molly“ entwickelt. Molly besitzt die ganz erstaunliche Fähigkeit, menschliche Gewebe aus Stammzellen, sogenannte „Organoide“, zu ziehen. 40000 kleine Herzen, Nieren oder Darm-Organoide entstehen monatlich auf diese Weise.  Jede Stammzelle ist jedoch ein bisschen anders. Deswegen muss die Datenqualität standardisiert und kontrolliert werden, damit brauchbare Daten entstehen. 
 
Die Entwicklung bezüglich KI beschleunigt sich nahezu exponentiell, dennoch bleibt es eine Technologie, bei der wir lernen müssen, die richtigen Fragen zu stellen und die richtigen Methoden anzuwenden. Dann kann KI die menschlichen Kompetenzen überflügeln und bei der Lösung so drängender Fragen wie der Erderwärmung oder der Heilung schrecklicher Krankheiten helfen. Genau bei dieser Thematik sehe ich einen Vorteil für Deutschland bzw. Europa, da wir kluge Köpfe haben, die „out of the box“ denken und somit exzellente Daten generieren können. Wir sollten also eher in die „Schwarmintelligenz“ der Europäer investieren, anstatt die nächste KI-Giga-Factory zu bauen. 

Die richtigen Fragen zu stellen und reproduzierbare Daten zu gewinnen, das sind meines Erachtens die Aufgaben der Zukunft.

 

Josef Penninger
ist ein österreichischer Genetiker. Er leitete von 2002 bis 2018 das Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) in Wien sowie von 2018 bis 2023 das Life Sciences Institute an der University of British Columbia. Seit Juli 2023 ist er wissenschaftlicher Geschäftsführer des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung in Braunschweig und Professor an der Medizinischen Universität Wien.

 

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