Lifestyle
Erst ab, dann auf – und jetzt?
Im großen Lexikon des Sportvokabulars dürfte das „Wechselbad der Gefühle“ einen prominenten Platz haben: Hoffnung, Enttäuschung, Euphorie und Verzweiflung, alles dicht gedrängt in wenigen Tagen oder Wochen. Selten passte diese vielzitierte Formel besser als auf das Saisonende der Basketball Löwen Braunschweig.
Von Stefan Boysen
Erst eine frustrierende Spielzeit mit nur zehn Siegen und dem sportlichen Abstieg. Dann neue Hoffnung, als sich durch den Aufstiegsverzicht der Kirchheim Knights doch noch eine Tür zum Klassenverbleib öffnete. Und schließlich Freude und kollektives Aufatmen, als die Löwen die von der Basketball-Bundesliga (BBL) ausgeschriebene Wildcard erhielten – womit sie, um noch einmal im Lexikon zu blättern, den Kopf doch noch aus der Schlinge zogen.
In den Tagen nach dem Saisonende zeigten Braunschweigs Basketballer damit ausgerechnet das, was ihnen während der Spielzeit zu selten gelungen war: Geschlossenheit – im Zusammenspiel mit ihrem gesamten Umfeld.
„Wir haben einen unheimlichen Rückhalt auf allen Ebenen gespürt“, betont Geschäftsführer Nils Mittmann.
In dieser Ausnahmesituation, der größten sportlichen Krise seit Jahren, zeigte sich, wie groß die Unterstützung für die Löwen ist – und wie viel Leidenschaft in Braunschweig für den Erstliga-Basketball steckt. „Gefühlt jeder hat versucht, auf seine Weise einen Beitrag zu leisten“, sagt Nils Mittmann. „Manche finanziell, andere, indem sie Kontakte hergestellt oder weitere Unterstützung mobilisiert haben.“
Denn das Ticket für den Ligaverbleib hat seinen Preis: Für die Wildcard mussten die Basketball Löwen zusätzliche 800.000 Euro finanzieren – eine Summe, die nur im Schulterschluss vieler Beteiligter gestemmt werden konnte. Dazu zählen Gesellschafter, Partner und Sponsoren, aber auch jene, die dem Club sonst auf der Tribüne den Rücken stärken: die Fans.
Doch nicht nur die Finanzierung der Wildcard bewegt den Club in diesen Wochen. Parallel geht es um die Frage, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Die sportliche Rettung durch die Wildcard ändert schließlich nichts daran, dass die Löwen auf dem Parkett abgestiegen sind – und dass diese Spielzeit Spuren hinterlassen hat.
Von einem bloßen sportlichen Ausrutscher will Nils Mittmann nicht sprechen. „Dafür war die Saison zu vielschichtig. Es gab Situationen, in denen wir besser hätten reagieren können, und Entscheidungen, die wir besser hätten treffen können.“
Neben dem plötzlichen Abgang von Erfolgstrainer Jesús Ramírez, der kurz vor Saisonstart eine Zäsur zur Unzeit bedeutete, und den zahlreichen Verletzungen, die die Mannschaft immer wieder aus dem Rhythmus brachten, wurde im Verlauf der Spielzeit ein zentrales Problem sichtbar: Gerade in kritischen Momenten – wenn der Gegner einen Lauf startete, Spiele zu kippen drohten und Struktur verloren ging – zeigte sich, dass zu wenige Akteure in der Lage waren, das Team zu führen und ihm wieder Stabilität zu geben. Viel Potenzial, aber zu wenig Halt – so lässt sich die Saison auf einen Nenner bringen.
Die Basketball Löwen haben die Saison aufgearbeitet und Konsequenzen gezogen. „Talent ist nicht alles“, sagt Mittmann. „Wir müssen bei der Kaderplanung noch stärker auf Teamchemie und Charaktere achten. In der vergangenen Saison ist es uns nicht gelungen, aus vielen Einzelspielern eine echte Mannschaft zu formen – eine, die für Kampfgeist steht und das verkörpert, was uns ausmachen soll: jung, wild und hungrig.“
Der Club hält an Trainer Ramón Díaz fest, der während der Saison für den glücklosen Kostas Papazoglou übernommen hatte. Der Spanier kam in einer schwierigen Phase, fand schnell Zugang zur Mannschaft und arbeitete sich mit großem Einsatz und hoher Identifikation in seine Rolle ein. Auch wenn er das Ruder trotz eines kleinen Schlussspurts nicht mehr vollständig herumreißen konnte, sehen die Löwen seine Arbeit als wichtige Basis für die kommende Saison.
„Seine Spielidee – aggressiv verteidigen, über das ganze Feld Druck machen, selbst agieren statt reagieren – deckt sich mit unserer Clubphilosophie. Mit einer kompletten Saisonvorbereitung kann Ramón Díaz diese Idee jetzt von Anfang an umsetzen“, sagt Nils Mittmann.
Nicht nur der Trainer, auch die Spieler sind gefordert. Ein Grundgerüst ist bereits vorhanden: Neben Ferdinand Zylka und Benny Schröder gehört dazu auch Kapitän Chip Flanigan. Hinzu kommen Neuzugang Eddy Edigin Jr. und Rückkehrer Gian Aydinoglu.
Die personellen Veränderungen sollen die Neuausrichtung vorantreiben und der Mannschaft mehr Tiefe und Mentalität verleihen. Gerade Letzteres ist Nils Mittmann besonders wichtig. Er arbeitet auf ein Team hin, „das den Willen hat, extrem viel zu investieren – in jedem Training, in jedem Spiel“.
Die NBA Summer League bietet im Juli genau die Bühne, um noch jemanden zu entdecken, der den Löwen weiterhelfen kann. Sie ist weniger ein klassisches Turnier als ein Treffpunkt der internationalen Basketballbranche. Für einige Tage kommen dort Spieler, Berater, Scouts, Agenturen, Trainer und Clubverantwortliche zusammen. Auch Nils Mittmann ist vor Ort – und nutzt die Gelegenheit, Kontakte zu pflegen, sein Netzwerk zu erweitern und interessante Kandidaten genauer unter die Lupe zu nehmen.
Braunschweig hat im Basketball eine lange Tradition – und setzt seit Jahren auf Kontinuität und gute Nachwuchsarbeit. Für den Löwen-Geschäftsführer ist deshalb klar:
„Wir gehören in die erste Liga. Das ist unser Eigenverständnis – und im Zuge der Wildcard-Vergabe habe ich gespürt, dass wir auch über Braunschweig hinaus als gern gesehenes Mitglied der BBL wahrgenommen werden.“
Dass die Löwen durch eine glückliche Fügung in der ersten Liga geblieben sind, bedeutet für ihn keinen zusätzlichen Rechtfertigungsdruck. „Der größte Druck kommt nicht von außen, den machen wir uns selbst“, betont Nils Mittmann. „Ich sehe die Wildcard vielmehr als Verpflichtung.“ Der Anspruch bleibt: eine Mannschaft zu formen, die wieder für das steht, was die Basketball Löwen ausmachen.
Mehr aus dieser Rubrik
Zur Startseite
