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Wirtschaft

30. Juli 2026

Das Sofa 38 – KI & ML

Künstliche Intelligenz ist längst kein Zukunftsszenario mehr. Sie verändert bereits heute, wie Unternehmen entwickeln, produzieren, kommunizieren und Entscheidungen treffen.

Von Timo Grän

Marc Stantien

Was vor wenigen Jahren noch Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen oder visionärer Vorträge war, findet inzwischen täglich in Büros, Entwicklungsabteilungen, Produktionshallen und Leitstellen statt. Doch je schneller sich die Technologie entwickelt, desto größer werden auch die Fragen. Wo schafft KI bereits heute echten Mehrwert? Wo liegen ihre Grenzen? Welche Kompetenzen brauchen Mitarbeitende künftig? Und wie gelingt es Unternehmen, Innovation mit Verantwortung zu verbinden? Diese Fragen gewinnen zusätzlich an Bedeutung, weil die Diskussion längst über technologische Aspekte hinausgeht. Führende Wissenschaftler und Unternehmer haben in den vergangenen Jahren öffentlich vor einer unkontrollierten Entwicklung leistungsfähiger KI-Systeme gewarnt und internationale Leitplanken eingefordert. Gleichzeitig investieren Staaten und Unternehmen weltweit Milliardenbeträge in Forschung und Anwendung. Der Wettbewerb um die technologische Führungsrolle hat längst begonnen. Für Unternehmen bedeutet das: Abwarten ist keine Strategie. Gleichzeitig geht es nicht darum, jedem Trend hinterherzulaufen. Entscheidend ist vielmehr, KI dort einzusetzen, wo sie Menschen unterstützt, Prozesse verbessert und echten Mehrwert schafft. An dieser Stelle setzt das SOFA 38 der Sommerausgabe an. Nachdem Prof. Dr. Sabina Jeschke, CEO des KI Park e. V., im Leitartikel die großen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zusammenhänge einordnet, richten wir den Blick auf die Praxis. Sechs Mitglieder des Beirats der Service-Seiten IT & Digitalisierung berichten aus ihrem beruflichen Alltag. Sie begleiten Unternehmen seit vielen Jahren bei der digitalen Transformation und erleben täglich, wo Künstliche Intelligenz bereits funktioniert, welche Erwartungen sich erfüllt haben – und wo noch immer mehr Wunschdenken als Wirklichkeit herrscht.

Dabei wird deutlich: Die eigentliche Revolution besteht nicht darin, dass Maschinen den Menschen ersetzen. Sie besteht darin, dass Menschen lernen, intelligenter mit Maschinen zusammenzuarbeiten.

KI ist kein Selbstzweck – sondern muss konkrete Probleme lösen

Die öffentliche Wahrnehmung von KI wird häufig von spektakulären Anwendungen geprägt. Bilder, Videos oder Chatbots dominieren die Schlagzeilen. Im Unternehmensalltag zeigt sich jedoch ein anderes Bild. Dort entsteht der größte Nutzen meist dort, wo Prozesse schneller, einfacher und qualitativ besser werden.

 

Stadtglanz: Wo schafft Künstliche Intelligenz heute bereits echten Mehrwert – und wo bleiben die Erwartungen bislang hinter der Realität zurück?

Jana Schendel: Die größten Mehrwerte erleben wir derzeit in drei Bereichen: in der Softwareentwicklung, im Wissensmanagement und im Engineering. KI-gestützte Entwicklungswerkzeuge beschleunigen wiederkehrende Aufgaben wie Dokumentation, Code-Reviews oder Tests und verschaffen unseren Teams mehr Zeit für anspruchsvolle Aufgaben. Gleichzeitig helfen intelligente Suchsysteme dabei, Wissen schneller verfügbar zu machen und Projektteams gezielter zusammenzustellen. Auch im Bereich Predictive Maintenance sehen wir bereits heute einen messbaren wirtschaftlichen Nutzen. Weniger erfolgreich war dagegen der Versuch, den Kundensupport weitgehend zu automatisieren. Gerade bei komplexen technischen Fragestellungen bleibt der Mensch unverzichtbar. Deshalb setzen wir heute bewusst auf hybride Modelle, bei denen KI unterstützt – aber nicht ersetzt.

Holger Kämmerer: Besonders schnell profitieren Unternehmen bei vergleichsweise einfachen Anwendungsfällen wie Zusammenfassungen von Ausschreibungen und Verträgen,  Marktanalysen und Angebotsvergleichen oder Transskripten und Aufgabenlisten aus Meetings. Das sind ideale Einstiegsszenarien, weil Mitarbeitende ohne große Hürden erste Erfahrungen sammeln können. Schwieriger wird es dort, wo Unternehmen erwarten, dass KI fehlendes Prozesswissen ersetzt. Ohne klare Abläufe und fachliche Expertise bleiben die Ergebnisse zwangsläufig hinter den Erwartungen zurück.

Sören Goerke: Den größten Mehrwert erleben wir überall dort, wo KI Menschen unterstützt und nicht ersetzt. Ob Softwareentwicklung, Wissensmanagement oder Dokumentenanalyse – Routineaufgaben werden schneller erledigt und schaffen Freiräume für kreative und strategische Arbeit. Die größte Enttäuschung ist häufig die Erwartungshaltung. KI ist kein Wundermittel. Gute Ergebnisse entstehen nur auf Basis sauberer Daten, klarer Prozesse und qualifizierter Mitarbeitender.

Innovation braucht Geschwindigkeit – aber auch Verantwortung

Während viele Unternehmen noch über erste Pilotprojekte nachdenken, setzen andere KI bereits produktiv ein. Gleichzeitig wächst das Bewusstsein dafür, dass technologische Möglichkeiten allein nicht ausreichen. Datenschutz, Transparenz und Vertrauen werden zu entscheidenden Erfolgsfaktoren.

Stadtglanz: Wie gelingt der Spagat zwischen Innovationsgeschwindigkeit und verantwortungsvollem KI-Einsatz?

Timo Springmann: Künstliche Intelligenz entfaltet ihren größten Nutzen dort, wo sie von den Mitarbeitenden akzeptiert und verstanden wird. Deshalb betrachten wir KI nicht allein als Technologieprojekt, sondern als Veränderungsprozess. Transparenz, Datenschutz und klare Regeln schaffen Vertrauen – und genau dieses Vertrauen entscheidet letztlich über den Erfolg neuer Anwendungen.

Jana Schendel: Innovation braucht Geschwindigkeit – aber ebenso klare Leitplanken. Transparenz gegenüber Kunden, Datenhoheit und regelmäßige Qualitätsprüfungen gehören für uns selbstverständlich dazu. Gleichzeitig dürfen wir uns von regulatorischen Fragen nicht lähmen lassen. Wer Erfahrungen sammeln möchte, sollte mit klar abgegrenzten Pilotprojekten beginnen und daraus lernen.bedeutet dies: offen sein und gern an Türen klopfen.

Sören Goerke: Innovation und Verantwortung gehören untrennbar zusammen. Gerade Europa hat die Chance, sich über vertrauenswürdige KI zu differenzieren. Vertrauen entsteht nicht durch Marketing, sondern durch Transparenz, Datenschutz und nachvollziehbare Entscheidungen. Wer KI langfristig erfolgreich einsetzen möchte, muss beides beherrschen: Geschwindigkeit und Verantwortung.

Der entscheidende Wettbewerbsvorteil bleibt der Mensch

Kaum ein Thema wird derzeit intensiver diskutiert als die Auswirkungen von KI auf den Arbeitsmarkt. Werden Berufe verschwinden? Werden Entwickler, Berater oder Ingenieure künftig ersetzt? Die Experten sehen die Entwicklung deutlich differenzierter. Nicht der Mensch wird überflüssig – vielmehr verändern sich seine Aufgaben.

Stadtglanz: Welche Kompetenzen werden Mitarbeitende und Führungskräfte in den kommenden Jahren benötigen, um erfolgreich mit KI zusammenzuarbeiten?

Marcel Hartwig: Neben technologischem Verständnis werden vor allem kritisches Denken und die Fähigkeit wichtig sein, KI sinnvoll in die tägliche Arbeit einzubinden. Deshalb integrieren wir KI konsequent in unsere Entwicklungsprozesse, schulen unsere Teams kontinuierlich und trainieren KI-Modelle für konkrete Kundenanwendungen. Der wichtigste Erfolgsfaktor bleibt dabei der Mensch, der KI verantwortungsvoll und zielgerichtet einsetzt.

Jonas Methner: KI wird viele Tätigkeiten verändern, aber sie ersetzt weder Erfahrung noch Persönlichkeit. Umso wichtiger werden Kompetenzen wie Problemlösungsfähigkeit, Kommunikationsstärke und die Bereitschaft, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln. Bildung und Weiterbildung werden damit zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor

Zwischen Hype und Realität – worauf kommt es jetzt wirklich an?

Kaum eine Technologie wird derzeit so intensiv diskutiert wie Künstliche Intelligenz. Fast täglich entstehen neue Anwendungen, Modelle und Schlagzeilen. Gleichzeitig wächst der Eindruck, dass sich zwischen öffentlicher Wahrnehmung und tatsächlicher Praxis zunehmend eine Lücke auftut.

Stadtglanz: Wo wird KI derzeit überschätzt – und wo unterschätzt?

Timo Springmann: Viele Unternehmen erwarten von KI schnelle Wunderlösungen. Tatsächlich entfaltet sie ihren größten Nutzen häufig dort, wo bestehende Prozesse intelligent ergänzt und nicht vollständig ersetzt werden. Der größte Fehler besteht darin, KI isoliert zu betrachten. Entscheidend ist immer das Zusammenspiel von Technologie, Organisation und Mensch.

Marcel Hartwig: Aktuell entsteht häufig der Eindruck, dass ein guter Prompt ausreicht, um hochwertige Software zu entwickeln. Tatsächlich bleiben Architektur, Codequalität und langfristige Wartbarkeit zentrale Aufgaben erfahrener Entwickler. Gleichzeitig unterschätzen viele, wie leistungsfähig moderne KI-Modelle bereits heute geworden sind. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, Chancen zu nutzen und KI sinnvoll in bestehende Prozesse zu integrieren.

Jana Schendel: Der größte Hype besteht in der Annahme, KI werde Fachkräfte kurzfristig ersetzen. Tatsächlich verändert sie vor allem Arbeitsweisen. Unterschätzt wird dagegen ihr Potenzial in Bereichen wie Prozessoptimierung, Simulation oder Qualitätssicherung. Gerade dort entstehen häufig die größten wirtschaftlichen Effekte – auch für kleine und mittelständische Unternehmen.

Nicht warten. Sondern anfangen.

Bei allen unterschiedlichen Perspektiven herrscht unter den Experten in einem Punkt bemerkenswerte Einigkeit: Der beste Zeitpunkt, sich mit KI zu beschäftigen, ist jetzt.

Stadtglanz: Welchen Rat geben Sie Unternehmen, die bislang noch zögern?

Sören Goerke: Nicht warten – einfach anfangen. Suchen Sie sich einen konkreten Anwendungsfall, der Ihren Mitarbeitenden jeden Tag Zeit spart. Ein erfolgreicher Pilot bringt häufig mehr Erkenntnisse als monatelange Strategiediskussionen. KI ist längst kein Zukunftsthema mehr, sondern ein Wettbewerbsfaktor.

Jonas Methner: Wer heute in KI investiert, investiert vor allem in die Zukunft seiner Mitarbeitenden. Mein Rat lautet deshalb: Technologien nicht isoliert betrachten, sondern Menschen frühzeitig einbeziehen, Qualifizierung ermöglichen und Veränderungen aktiv begleiten.

Holger Kämmerer: Mit einfachen Anwendungsfällen beginnen, erste Erfolge erzielen und Erfahrungen sammeln – das ist aus meiner Sicht der beste Einstieg. So entstehen Akzeptanz, Vertrauen und ein realistisches Verständnis dafür, wo KI echten Mehrwert schafft. Erfahrung ist dabei der beste Lehrmeister.

Eine Chance für die Region 38

Braunschweig-Wolfsburg zählt zu den forschungs- und innovationsstärksten Regionen Europas. Internationale Unternehmen, ein leistungsfähiger Mittelstand, exzellente Hochschulen und Forschungseinrichtungen sowie Initiativen wie der KI Park schaffen ein Umfeld, das beste Voraussetzungen für die Entwicklung und Anwendung Künstlicher Intelligenz bietet.

Stadtglanz: Welche Chancen sehen Sie für unsere Region im Zeitalter von KI und Machine Learning?

In einem Punkt herrscht unter den Experten Einigkeit: Braunschweig-Wolfsburg verfügt über beste Voraussetzungen, um im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz eine führende Rolle einzunehmen. Entscheidend wird sein, die besondere Stärke der Region konsequent auszubauen: die enge Vernetzung von Forschung, Wissenschaft, Industrie, Mittelstand und Bildung.

Auch Timo Springmann und Jonas Methner sehen genau darin einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Beide sind überzeugt, dass die Region 38 innovative Technologien schneller als viele andere Regionen in marktfähige Anwendungen überführen kann. Sören Goerke hebt insbesondere die enge Zusammenarbeit von Wirtschaft, Wissenschaft und Start-ups hervor. Jana Schendel sieht die Chance, Braunschweig-Wolfsburg als europäische Modellregion für industrielle, vertrauenswürdige und anwendungsnahe KI zu etablieren.

Und Holger Kämmerer bringt die gemeinsame Einschätzung auf den Punkt: „Die größte Chance für Braunschweig-Wolfsburg liegt darin, Forschung, mittelständische Innovationskraft und konkrete industrielle Anwendungen konsequent miteinander zu verbinden. Gelingt uns das, kann unsere Region in einzelnen Bereichen eine führende Rolle im europäischen KI-Umfeld einnehmen.“

Gerade diese Verbindung aus exzellenter Forschung, innovativen Unternehmen und einem starken Mittelstand unterscheidet die Region von vielen anderen Innovationsstandorten. Während andernorts häufig Grundlagenforschung oder einzelne Technologien im Mittelpunkt stehen, bietet unsere Region ideale Voraussetzungen, neue Entwicklungen schnell in konkrete Anwendungen und wirtschaftlichen Nutzen zu überführen.

Gemeinsames Fazit

Die Diskussion zeigt: Künstliche Intelligenz ist weder Allheilmittel noch Bedrohung. Sie ist ein Werkzeug – mit dem Potenzial, Wirtschaft und Gesellschaft nachhaltig zu verändern. Der entscheidende Erfolgsfaktor bleibt dabei der Mensch. Unternehmen, die ihre Mitarbeitenden qualifizieren, Verantwortung übernehmen und KI dort einsetzen, wo sie echten Mehrwert schafft, werden langfristig profitieren. Wer hingegen auf den „perfekten Zeitpunkt“ wartet, läuft Gefahr, wertvolle Erfahrungen – und damit Wettbewerbsfähigkeit – zu verlieren. Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis dieser Expertenrunde: Nicht die Künstliche Intelligenz wird über unsere Zukunft entscheiden, sondern der intelligente Umgang mit ihr. Ihre eigentliche Stärke liegt nicht darin, den Menschen zu ersetzen, sondern ihn dabei zu unterstützen, bessere Entscheidungen zu treffen, kreativer zu arbeiten und Innovationen schneller in die Praxis zu überführen.

 

 

 

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