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Lifestyle

28. Juli 2026

„Ich kann das nicht mehr, ich will das nicht mehr“

Eintracht-Saisonbilanz 2025/2026

Von Patrick Halatsch

Foto: Eintracht Braunschweig

Besser als der eingefleischte Eintracht-Fan Dirk lässt sich die Gemütslage vieler blaugelber Anhänger nach einer erneuten Zittersaison kaum zusammenfassen. Mit mehreren Leidensgenossen hatte der 60-Jährige, der seit fünf Jahrzehnten Fan der Blau-Gelben ist, das letzte Saisonspiel auf Schalke im Braunschweiger Löwengarten im Prinzenpark geschaut – und war nach dem Schlusspfiff mit den Nerven am Ende. Er war nicht der Einzige.

Eintracht Braunschweig hat den Klassenerhalt geschafft – feiern wollte und sollte das rund um den Verein trotzdem kaum jemand. Zu enttäuschend, zu nervenaufreibend verlief auch diese Zweitliga-Saison. Dass der Verbleib in der 2. Bundesliga am Ende überhaupt noch gelang, war weniger Ausdruck eigener Stärke als vielmehr das Resultat glücklicher Umstände und einer schwächelnden Konkurrenz im Tabellenkeller.
 
Dabei begann die Saison so vielversprechend: mit einer fast magischen Nacht im DFB-Pokal gegen den Titelverteidiger VfB Stuttgart. Montagabend, Flutlichtspiel, Live-Übertragung im Ersten mit ARD-Fußballexperte Bastian Schweinsteiger. Der 2014er-Weltmeister war schon vor dem Anpfiff bei den Eintracht-Fans so angesagt, dass er sich teilweise in den Katakomben des Stadions verschanzen musste. Selbst Neu-Trainer Heiner Backhaus war so angetan, dass er statt des üblichen Flash-Interviews (in diesem Fall mit mir) unbedingt an den Tisch zu Esther Sedlaczek und Schweini wollte. 

Dabei mussten sich die Braunschweiger an diesem Abend eigentlich nicht kleiner machen als sie waren. Sie lieferten dem großen VfB einen Kampf auf Augenhöhe: 3:3 nach regulärer Spielzeit, 4:4 nach Verlängerung, 7:8 nach Elfmeterschießen. Selbst Stuttgarts Trainer Sebastian Hoeneß gab bei uns am Mikro später zu, dass ein Sieg der Eintracht verdient gewesen wäre.
 
Schon die schon zuvor gestartete Zweiliga-Saison war gut losgegangen mit dem glücklichen Erfolgen in Magdeburg und zu Hause gegen Fürth. Der 6-Punkte-Start und das Pokalspiel verklärten allerdings auch den Blick auf eine realistische Einschätzung des wahren Leistungsvermögens, denn die folgenden sechs Spiele blieben die Löwen sieglos. 
 
Konstanz in den folgenden Monaten in den Leistungen und den Ergebnissen: Fehlanzeige. Auch von September bis November folgte eine Erfolglosserie von acht Niederlagen aus neun Spielen. Eine Trainer-Freistellung zu diesem Zeitpunkt wäre nachvollziehbar gewesen. Sie kam aber nicht. Stattdessen gab‘s in der Weihnachtspause das große Personalkarussell. Und mit ihm ein weiterer Grund für den Negativ-Lauf auch im neuen Jahr. Sieben Ab- und sieben Neuzugänge – fast schon Dimensionen einer Sommertransferperiode, die allerdings Zeit zum Einspielen bietet. Die kurze Winterpause dagegen nicht. Sie wurde zudem in Braunschweig verbracht. An echtes Profi-Training war bei diesen Wetterbedingungen (Schnee ohne Ende) kaum zu denken. Besonders problematisch war der Abgang von Unterschiedsspieler und Top-Scorer Christian Conteh zum 1. FC Heidenheim. Auch wenn die Eintracht das Angebot aus wirtschaftlicher Sicht kaum hätte ausschlagen können. Aber ohne Conteh war die ohnehin harmlose Offensive noch ungefährlicher geworden. 28 Tore in 25 Spielen – nur Fortuna Düsseldorf traf seltener ins Tor des Gegners.
 
Als im neuen Jahr die (Erfolgs-)Ergebnisse ausblieben, musste Heiner Backhaus im März dann doch gehen. Fehlende Weiterentwicklung des Teams wurde ihm vorgeworfen. Kurzum: zu wenig Inhalt. Die Fußball-Philosophie (volle Pulle Anlaufen) des Trainers, den die Eintracht per Ablösesumme vom Drittligisten Aachen verpflichtet hatte, war den Verantwortlichen zu eindimensional. Allerdings: Die Art und Weise des Fußballs, die Backhaus in Braunschweig spielen ließ, kam wenig überraschend. Denn sie unterschied sich kaum von der seiner vorherigen Vereine. Die Erkenntnis kam spät, aber nicht zu spät.
 
Fortan sollte es also Lars Kornetka richten. Lars wer? 
Genau, so haben wohl die meisten Fans reagiert als sie den Namen hörten. Den meisten Anhägern war er kein Begriff. Das macht aber nichts. Denn nicht immer ist die naheliegendste auch die beste Lösung. 
 
Lars Kornetka, der aktuell immer noch als Co-Trainer von Ralf Rangnick in der Nationalmannschaft Österreichs (auch während der WM in den USA) arbeitet, sollte die Eintracht mit anderem, mit besserem Fußball retten. Er sollte für die Inhalte stehen, die die Eintracht-Verantwortlichen zuletzt so vermisst hatten. Gearbeitet hatte er bisher vorwiegend als Assistenz-Coach und Video-Analyst. Einen Trainer im Abstiegskampf zu verpflichten, der noch nicht wirklich als Chefcoach gearbeitet hatte, war eine mutige und risikoreiche Entscheidung zugleich. Am Ende aber eine richtige.
 
In der hitzigen Phase des Abstiegskampfes hatte der neue Coach zwar kaum Zeit, wirklich inhaltlich zu arbeiten. Erste Ansätze waren aber durchaus erkennbar und vielversprechend. Eines aber war wirklich bemerkenswert: die Ruhe, die Kornetka als Neuling in dieser prekären Situation ausstrahlte, war beeindruckend und verdient allerhöchsten Respekt. Dieser gilt auch der Vereinsführung, die den Mut hatte, diese Personalie – trotz der prekären Lage – voller Überzeugung durchzuziehen.
 
Lars Kornetka könnte ein Glücksfall für die Eintracht werden. Das sage ich nicht, weil er mal einer von uns (Pressemenschen) war. Kornetka arbeitete einst im Archiv der ARD Sportschau in Köln mit Kollegen zusammen, mit denen ich heute noch fast täglich zu tun habe. Als ich ihm kurz nach Beginn seiner Tätigkeit als Eintracht-Trainer ein altes Foto von ihm mit meinen Kollegen in der WDR-Betriebsfußballmannschaft zeigte, strahlte er über das ganze Gesicht. Kornetka spricht nicht in oftmals verwendeten Standardfloskeln und Worthülsen, sondern klar, ehrlich und authentisch. Seine Ansichten vom Fußball sind nachvollziehbar. Seine Erfahrungen an der Seite von Ralf Rangnick, der wie ein Mentor für ihn ist, könnten auch für die Eintracht nützlich sein. Da die Kassen in Braunschweig stets klamm sind, muss der Nachteil durch know how und gute Netzwerke ausgeglichen werden.
 
Arbeit gibt es genug im Verein: denn auch die U17, die U19 und die U23 kennen die Tabelle nur von unten. Dort krebsen auch die Profis seit Jahren herum.  

Nach der Relegation in der Vorsaison hing der direkte Klassenerhalt dieses Mal an einem einzigen mageren wie seidenen Törchen und Keeper Ron Thorben Hoffmann. Das sollte als letztes Warnsignal verstanden werden. 
 
Die Fans haben in dieser Saison einmal mehr bewiesen, dass sie auch in schwierigen Zeiten hinter ihrem Verein stehen. Umso wichtiger ist es jetzt, im Sommer die richtigen Konsequenzen zu ziehen: einen klaren sportlichen Plan entwickeln, den Kader danach gezielt ausrichten und so endlich für mehr Stabilität und Ruhe sorgen.
 
Denn eines ist klar: Wenn die Eintracht auch in der kommenden Saison so weitermacht, könnte das Glück irgendwann aufgebraucht sein – genauso wie die (Herz-)Gesundheit von Eintracht-Fan Dirk aus dem Löwengarten. Seine Worte nach dem letzten Saisonspiel auf Schalke und dem Last-Minute-Klassenerhalt könnten insofern als aufforderndes, positives Mantra an die Löwen verstanden werden: 

„Ich kann das nicht mehr, ich will das nicht mehr“.

 

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