Lifestyle
Neuer Job, alte Liebe
Gerrit Fauser im Interview mit Stefan Boysen
Von Stefan Boysen
Herr Fauser, wenn Sie auf die ersten Tage als neuer Teammanager der Grizzlys zurückblicken – welcher Gedanke kam Ihnen häufiger? Eher: „Das hätte ich mir nie vorstellen können, was da alles auf mich zukommt.“ Oder: „Genauso habe ich mir das gedacht.“
Ganz klar: Ersteres. Als Spieler hat man wirklich keine Vorstellung davon, was im Hintergrund alles geleistet wird. Es ist eine völlig andere Welt, und ich muss ehrlich sagen: In den ersten Tagen habe ich mich oft gefragt, wie ich mich da jemals zurechtfinden soll.
Was hat Sie so überrascht?
Schon die Saisonvorbereitung: Was da alles organisiert werden muss, bevor ein Spieler überhaupt einen Schläger in die Hand nimmt – das ist unglaublich. Unser Büro ist klein, wir sind weniger als zehn Leute, und jeder Tag ist von Anfang bis Ende durchgetaktet. Wenn ein Spieler mal einen Termin verschiebt oder verpasst, bringt das schnell den ganzen Ablauf durcheinander. Als Profi bekommt man davon kaum etwas mit – und genau so soll es ja auch sein.
Was genau sind heute Ihre Aufgaben?
Die sind je nach Saisonphase sehr unterschiedlich. Zu Beginn geht es vor allem darum, die Anreisen der Importspieler zu organisieren. Da müssen Visa beantragt, Flüge gebucht und auch Ankünfte koordiniert werden. Kommen sie mit dem Zug, mit dem Auto – oder holt sie jemand von uns ab? Auch die Wohnungen müssen vorbereitet sein. Ich bin alle nochmal abgefahren, um sicherzugehen, dass alles passt – damit sich die Jungs direkt wohlfühlen können. Wenn man nach einer langen Reise irgendwo neu ankommt, will man erstmal zur Ruhe kommen – und nicht gleich putzen oder Möbel aufbauen.
Und wie sieht es jetzt aus – mitten in der Saison?
Auch jetzt ist viel Planung nötig, nur eben in anderen Bereichen. Das können Kleinigkeiten sein, zum Beispiel ein Visum für die nachreisende Partnerin eines Spielers. Bei Auswärtsspielen muss das Essen stimmen, der Bus zur richtigen Zeit bereitstehen. Was ich besonders spannend finde, ist der Bereich Sponsoring. Der eine Partner wünscht sich mehr Präsenz in der Halle, der andere legt Wert auf Sichtbarkeit in den sozialen Medien. Wir arbeiten da im Team nicht nach Schema F, sondern entwickeln Lösungen, die passen. Genau das macht mir großen Spaß.
Profitieren Sie heute manchmal noch von Ihrer Spielererfahrung?
Ich glaube, ich kann ganz gut einschätzen, wie sich die Jungs in bestimmten Situationen fühlen. Ich weiß, mit wem ich wie sprechen kann – und wann es besser ist, jemanden einfach mal in Ruhe zu lassen. Man sieht ja, wenn ein Spieler gerade mit sich selbst beschäftigt ist, vielleicht unzufrieden ist. Dann hilft es nicht, wenn noch jemand kommt und ihm zwei Pressetermine reindrückt.
Was tun Sie stattdessen?
In solchen Momenten versuche ich, das alles abzufedern – ihm vielleicht ein paar Tage Ruhe zu gönnen. Ich habe den Vorteil, dass ich noch sehr nah dran bin – an der Mannschaft, aber auch emotional. Viele kenne ich gut, mit einigen habe ich jahrelang zusammengespielt. Und ich weiß eben auch noch genau, wie es sich anfühlt, wenn’s mal nicht läuft. Das hilft mir, eine Art Bindeglied zu sein – zwischen Büro und Kabine.
Fühlen Sie sich noch als Teil der Mannschaft – oder stehen Sie inzwischen eher ein Stück daneben?
Das ist unterschiedlich. Zu den Jungs, mit denen ich lange in einem Team war, ist das Verhältnis nach wie vor eng. Bei den neuen Spielern merke ich schon eine gewisse Distanz. Für sie bin ich eben nicht der Mitspieler, sondern jemand aus dem Büro.
Wie hat sich Ihr Alltag verändert, seit Sie nicht mehr im Rhythmus eines Profisportlers leben?
Gerade am Anfang war das für mich eine riesige Umstellung. Ich war es gewohnt, Entscheidungen sofort zu treffen und direkt zu handeln – weil auf dem Eis einfach keine Zeit bleibt. Im Büro ist das komplett anders. Da schreibe ich eine E-Mail – und dann warte ich auf Antwort. Manchmal einen Tag oder auch mal zwei. Das hat mich anfangs ziemlich gestresst.
Was bedeutet dieser neue Alltag für Ihre Familie? Genießen Sie mehr Freiheiten?
Auf jeden Fall. Mit Freunden essen zu gehen oder mit der Familie spontan etwas zu unternehmen – das war während meiner aktiven Zeit kaum möglich. Ich freue mich besonders auf Weihnachten. Früher war da immer viel los: Am 24. hatten wir zwar frei, aber am 25. wurde schon wieder trainiert – weil am 26. das nächste Spiel anstand. Dieses Jahr habe ich endlich einmal ein paar Tage frei.
Wie ist das für Sie, wenn die Grizzlys auswärts spielen – und Sie das Ganze nur noch von der Couch aus mitverfolgen?
Ich habe aufgehört, obwohl ich den Sport immer noch liebe – das macht es nicht leichter. Wenn es auf dem Eis eng wird, leide ich mit. Und manchmal würde ich am liebsten nochmal selbst die Schlittschuhe schnüren. Aber genau das zeigt mir: Die Leidenschaft ist geblieben – nur meine Rolle hat sich geändert.
Wofür stehen die Grizzlys für Sie? Was prägt den Klub?
Für mich ist es ganz klar der familiäre Zusammenhalt – etwas, das hier über viele Jahre gewachsen ist. Schon als ich damals dazukam, gab es Spieler, die das Team nicht nur sportlich, sondern auch menschlich geprägt haben. Trotz aller Konkurrenz im Kader waren und sind wir immer eine echte Einheit. Wir können uns aufeinander verlassen – auf dem Eis und abseits davon.
Für Sie war klar: Sie bleiben nach Ende der Kariere in Wolfsburg. Warum?
Anfangs hatte ich für zwei Jahre unterschrieben – da war nicht sicher, ob ich langfristig bleibe. Aber nach fünf oder sechs Jahren habe ich gemerkt: Das passt hier. Die Entwicklung der Grizzlys hat mich immer begeistert. Und auch privat haben meine Frau und ich in der Region ein Umfeld gefunden, in dem wir uns richtig wohlfühlen. Wir leben in Danndorf, einem kleinen Ort mit starkem Zusammenhalt. Unsere Kinder sind hier geboren, und obwohl wir keine Familie in der Nähe haben, fühlen wir uns durch Freunde und Nachbarn fast wie bei Verwandten. Das wollten wir nicht mehr aufgeben.
Was schätzen Sie besonders an Wolfsburg?
Wer noch nie hier war, verbindet Wolfsburg oft nur mit dem Werk, aber das wird der Stadt nicht gerecht. Sie ist viel grüner als viele denken und bietet gerade für Familien unglaublich viele Möglichkeiten: Autostadt, Phaeno, Badeland, die vielen Seen – und alles ist in wenigen Minuten erreichbar. Für mich ist Wolfsburg mehr als nur ein Arbeitsort. Es ist Heimat geworden.
Gibt es eine Frage, die Ihnen in Ihrer Karriere besonders oft gestellt wurde – vielleicht sogar so oft, dass Sie sie nicht mehr hören konnten?
Diese kam am häufigsten: „Ihnen haben bei den Olympischen Spielen nur wenige Sekunden zur Goldmedaille gefehlt – was haben Sie in dem Moment gefühlt?“
Wahrscheinlich etwas in Richtung: „Schei …“?
… was soll man dazu sonst sagen?
Wir haben noch ein, zwei Fragen für Sie, die Sie bestimmt so noch nie gestellt bekommen haben. Wem aus dem Team würden Sie Ihre Kinder anvertrauen, wenn Sie mit Ihrer Frau ins Kino gehen?
Da muss ich nicht lange überlegen: Fabio Pfohl. Einer meiner besten Freunde – für meine Jungs fast wie ein Onkel. Oder Dustin Strahlmeier, ein klasse Typ. Bei Björn Krupp müsste ich überlegen – aber nur, weil er ständig Süßigkeiten isst und meine Kinder einen Zuckerschock bekommen würden…
Angenommen, Sie hätten eine Zeitmaschine und könnten ein kleines Detail in Ihrer Karriere ändern: Was würden Sie anders machen?
Vor dem Finale um die deutsche Meisterschaft 2021 gegen die Eisbären Berlin haben wir eine Futterlieferung für unseren Hund bekommen. Der Karton stand so ungünstig im Weg, dass ich zwei Tage vor dem Spiel dagegen gelaufen bin. Ergebnis: kleiner Zeh gebrochen. Ich habe natürlich trotzdem gespielt – aber es hat schon ein bisschen gedrückt. Also: Ich hätte die Kiste einfach fünf Zentimeter weiter nach links gestellt.
Wenn Sie zum Schluss auf die Grizzlys schauen: Wie sehen Sie die aktuelle Entwicklung? Und was wünschen Sie sich für die kommenden Jahre?
Kurzfristig müssen wir unbedingt zurück ins Playoff-Rennen. Auf welchem Platz wir am Ende der Hauptrunde stehen, ist mir ehrlich gesagt egal. In den Playoffs kann alles passieren, wenn ein Team ein gemeinsames Momentum entwickelt. Insgesamt wünsche ich mir mehr Konstanz, weniger extreme Ausschläge nach oben und unten. Noch wichtiger ist mir aber, dass wir unsere Werte bewahren. Die Grizzlys stehen dafür, nahbar zu sein – zu Fans, Sponsoren und untereinander. Diese Kultur hat mich immer hier gehalten – und sie macht unseren Standort stark. Genau dafür werde ich mich weiter einsetzen.
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