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Lifestyle

26. Oktober 2021

Oh wie schön ist Panama

Eine kleine Hommage an unsere Heimat - unsere Glanzregion

Von Falk-Martin Drescher

Kennen Sie die Geschichte von Janosch über die beiden Freunde Kleiner Tiger und Kleiner Bär, die beim Fischen eine leere Holzkiste mit der Aufschrift „Panama“ aus dem Fluss ziehen? Die Beiden schnuppern an der Kiste, riechen den süßen Duft von Bananen und beschließen daher: Panama muss das Land Ihrer Träume sein!

Kleiner Ortswechsel. Waren Sie schon einmal in Peine? Also, ich meine: So richtig? Nicht nur per Autobahn oder Bundesstraße, auch nicht versehentlich, auch nicht für eine behördliche Angelegenheit. Ich meine für einen Ausflug.

Tatsächlich bin ich in einem beschaulichen Dorf in dem Landkreis aufgewachsen, ging in Peine zur Schule. Ich erinnere mich noch gut an die Frei­Stunden im Eiscafé, die rund einstündigen Busfahrten nach Hause – und auch daran, wenn ich am Bahnhof in Peine den Bus verpasste und dann eine Stunde auf den nächsten warten musste. Oh, und ich habe noch den Spruch „Keiner ist gern Peiner“ im Sinn. Irgendwie war die Stimmung unter den Freunden: „Hier ist nichts los, hier geht nichts.“

Eine neue Perspektive auf das eigene Zuhause.

Das Witzige ist: Als ich nach Braunschweig zog, erzählte man mir das Gleiche. Ich erkundigte mich nach Diskotheken in der Stadt und es hieß: Es gebe ohnehin nur drei wirklich relevante Clubs. Und sonst sei kaum etwas los. Ich dachte mir: Ist das wirklich so? Kann das sein? Einige partytechnisch sehr intensive Monate später wusste ich, dass das Angebot mit 42 Grad Fieber, Privileg, Schwanensee, Pfau Club, Brain, Haifischbar, Silberquelle, The Lindbergh Palace … und vielen weiteren Destinationen doch etwas umfangreicher ist.

Warum ich Ihnen das erzähle? Am Ende ihrer Reise landen Kleiner Tiger und Kleiner Bär nicht etwa in Panama – sondern wieder vor ihrem ursprünglichen Zuhause. Und leben dort glücklich, in dem Glauben im Land ihrer Träume zu sein. Janosch äußerte sich zu seiner Geschichte in der Frankfurter Rundschau: „Jeder lebte schon immer im Paradies, hat es nur nicht gewusst.“

Im Fall vom Peiner Land kann ich mittlerweile sagen, dass es etwa für seine Manufakturen bekannt ist. Sei es etwa die Schokoladenfabrik Rausch, die Baumanufaktur Härke oder eben die Heimat des Schreibgerätes, das jeder kennt: Pelikan. Nebenan geht es nach Gifhorn: Hier befindet sich das weltweit einzige Wind- und Wassermühlenmuseum, das 14 Mühlen aus elf Ländern zählt. Früher war der Landkreis geografisches Grenzgebiet, heute ist es aus ganz besonderem Grund Zeitzeuge der ehemaligen Teilung: Die sogenannten Europäsche Freiheitsglocke, die sich auf dem Gelände des Mühlenmuseums befindet, erinnert an die Teilung Deutschlands und an den friedlichen Fall des Eisernen Vorhangs. Und an jener Stelle gibt es noch mehr Europäisches Gemeinschaftsgefühl – am 31.12.2001 wurde in Gifhorn die Deutsche Mark symbolisch beigesetzt.

Dass in Wolfsburg ein für die Region unheimlich wichtiger Arbeitgeber seinen Hauptsitz hat, muss ich Ihnen sicherlich nicht erzählen. Aber vielleicht das: Namensgeber der jungen Stadt ist das Schloss Wolfsburg, das vor mehr als sieben Jahrhunderten von den Rittern aus dem Geschlecht derer von Bartensleben als Burg errichtet wurde. Beim nächsten Smalltalk glänzen können Sie auch mit der Tatsache, dass August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, der in Fallersleben geboren ist, den Liedtext der deutschen Nationalhymne schrieb. Apropos Automobilindustrie: Auch zu Salzgitter gibt es viele Geschichten abseits der Straßen zu erzählen. Ein wenig abseits der Großstadttrubels – genauer gesagt in Calbecht – befindet sich etwa die größte Fakultät der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften. Im Bereich Verkehr-Sport-Tourismus-Medien erwachsen hier spannende neue Studiengänge, Projekte und natürlich kluge Köpfe für die Zukunft.

Der Vollständigkeit halber müsste ich jetzt noch einige Anekdoten zu Goslar und dem Harz auspacken, aber ganz ehrlich: Unzählige Naturschutzgebiete, eine UNESCO-Welterbestätte und aufstrebende Konzepte in Gastronomie und Freizeit sprechen für sich, oder?

Schalten wir zurück nach Braunschweig. Vor wenigen Tagen genoss ich Livemusik auf dem soldekk, dem Dachstrand im Herzen des Kultviertels. Und ich lauschte dem Schauspieler Andreas Jäger, der zu „Poesie am Portikus“ in den Bürgerpark lud. Auf dem Weg dahin passierte ich das abendliche Lichtermeer von „KulturImPark“, die in diesem Jahr mit einem Open-Air-Programm an den Start gehen.

Braunschweig in all seinen Farbstufen

Vor nicht allzu langer Zeit saß ich im Garten des Kunstvereins – und genoss an einem sommerlichen Abend den Roadmovie-Klassiker „Thelma & Louise“. Kurz vor Beginn begrüßte der Kunstverein selbst zu einer Tour durch die aktuelle Ausstellung „Soft Capsules“ der Meisterschüler und Meisterschülerinnen der HBK Braunschweig. Im Wolters Applaus Garten nahm mich die Staatstheater-Produktion „Comedian Harmonists in Concert“ mit durch die Geschichte des Berliner Vokalensembles.

Gutes Essen gab es auch. Spaghetti Pesto Rosso im idyllischen Innenhof vom La Vigna, süße und herzhafte Crêpes in der Makery, den Benedikt-Burger in der Vielharmonie und leckere Tapas in der JOKHA Bar. Im Lineli im Magniviertel habe ich Croffels (eine Mischung aus Croissant und Waffel) sowie vietnamesischen Kaffee mit gezuckerter Kondensmilch probiert. Den besten Flat White der Stadt – wie ich finde – trinke ich nahezu täglich im Kapai Kaffeehaus.

Die Einladung zum Deep Dive

Ertappen Sie sich manchmal dabei, wie Sie in der Mittagspause oder nach Feierabend die gleichen, gewohnten Gastronomien anlaufen? Heimat bedeutet für viele Menschen etwas Positives, etwas Schönes. Eben jenen Platz, an dem man sich zu Hause fühlt. Und ich möchte Sie ermutigen, noch ein Stückchen tiefer in „Ihre“ Heimat einzutauchen. Kein Deep Dive in neue Geschäftsmodelle – sondern in Ihren Kiez mit all seinen Farbstufen.

Ich weiß selbst, dass man mir das Braunschweiger Kultviertel zuordnet, nicht zuletzt aufgrund meines ehrenamtlichen Engagements in dem Stadtteil. Und gewiss könnte ich Ihnen in diesem Quartier Ecken und Gegebenheiten zeigen, die Sie bisher vielleicht eher nur gestriffen haben. Genauso gut könnten wir aber auch zusammen einen Spaziergang über die Ilseder Hütte machen, die eine 150-jährige Industriegeschichte erzählt. Oder wir machen eine Fahrradtour durch den Elm, bis hin zum Forschungsmuseum Schöningen im Landkreis Helmstedt, das die ältesten Jagdwaffen der Welt beheimatet. Oder wir gehen auf Streifzug durch Wolfenbüttel, machen eine Führung durch den Standort von Jägermeister, erinnern uns an Till Eulenspiegel zurück (der vermutlich aus Wolfenbüttel stammte) und genießen den Ausblick auf „Klein Venedig“, sprich den Kanalabschnitt in der Innenstadt, der mit seinen Resten einer historischen Grachtenanlage eine kleine, blumenprächtige Oase bildet.

Oft wird die Problematik formuliert, dass etwa Studierende hiesiger Hochschulen und Universitäten viel zu oft nach Ende ihres Studiums der hiesigen Region den Rücken kehren würden. Es geht um die „Creative Class“, die jeder gerne in seiner Stadt haben möchte. Sie initiiert Projekte, wirkt auf das Kulturleben ein und bereichert die Szene. Mein ganz persönlicher Eindruck ist – ohne, dass ich ihn Ihnen hier mit Zahlen unterstreichen kann –, dass genau dies allmählich stärker passiert: Kreative bleiben in der Glanzregion (wie sie der STADTGLANZ so charmant benennt) und gestalten ihre Heimat mit Veranstaltungsformaten, Projekten und Initiativen aktiv mit. Und wir alle fühlen uns davon irgendwie angezogen.

Soziologen bezeichnen Heimat als einen Ort, an dem man sein kann, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Einen Ort, an dem man sich zugehörig fühlt. Ich lade Sie daher ein: Lesen Sie all die Zwischenzeilen, lauschen Sie all den Zwischentönen, die Ihnen Ihre Heimat bietet.

Falk-Martin Drescher

studierte Stadt- und Regionalmanagement und ist gelernter Quartiersmanager, engagiert sich selbst ehrenamtlich als Vorstandsvorsitzender des Braunschweiger Kultviertels. Im Medienbereich selbstständig, neben seiner journalistischen Tätigkeit als Konzepter, Moderator und im Bereich Influencer Relations aktiv. Mit dem The Dude-Newsletters (www.meett hedude.de) informiert er zudem jeden Montagmorgen über ausgewählte Events und Neuigkeiten aus der Region.

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