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Lifestyle

28. Februar 2024

Geh` mir aus der Sonne!

( Fotografie: Diana Vyshniakova )

Der alte Mann ist rundbäuchig, zauselbärtig, glatzköpfig, übelriechend und in löchrige Second-Hand-Klamotten gekleidet. Er lebt auf der Straße, redet, liest. Plötzlich kommt der Bundespräsident mit seiner Kolonne des Weges, lässt anhalten, steigt aus und fragt den Mann in einer Anwandlung großmütiger Volkstümlichkeit, ob er ihm irgendwie behilflich sein könne. Der Alte lächelt ihn an und sagt freundlich: „Wenn Sie so nett sein wollen, Exzellenz, gehen Sie mir aus der Sonne.“

Alte Geschichte, bisschen aufgefrischt. Kommt Ihnen bestimmt bekannt vor. Diogenes hieß der antike Habenichts-Philosoph, lebte in einer Tonne und verlangte nichts als Sonneneinstrahlung – selbst als der mächtigste Mann der damaligen Welt, König Alexander, ihn in den Schatten stellte. Die Anekdote ist vermutlich erfunden, aber so gut, dass sie unsterblich wurde. Hatte der Mann ein gutes Leben, weil er nicht mehr Bedürfnisse hatte als ein bisschen Sonnenwärme? Oder ist das bloß eine Kitsch-Projektion im Sinne von „Geld macht nicht glücklich, Schönheit ist eitel, Luxus ist dekadent, Macht ist trügerisch, es kommt nur auf die inneren Werte an?“

Schaut man sich in unserer hochtourigen Hochglanz-Wirklichkeit um, dann sind wir ziemlich weit von diesem Ideal entfernt. Zehn Regalkilometer Ratgeber-Literatur in jeder Dorfbuchhandlung: Wie werde ich schlanker, reicher, attraktiver, schlauer, erfolgreicher, durchsetzungsstärker, rücksichtsloser? Zehn Kilometer zu der Frage: Wie werde ich überhaupt in Gänze ein tollerer Typ? Noch zehn Regalmeter: Wie werde ich ein noch tollerer Typ, als ich sowieso schon bin? Fünf Regalmeter: Wie mache ich mein Ego noch stärker?  

Und dann: Prollige Protzer wie die Geissens im TV – Prototypen eines glücklichen Lebens für die Neidgesellschaft? Die neue Unterwäsche-Linie von Kim Kardashian: Body-shape-Wear, die alle Körperdellen straff kaschiert? Macht diese Wäsche glücklich? Sind all die wunderschön blütenjungen, aber körperlich vielleicht nicht völlig optimal geratenen Mädchen glücklich, wenn sie von Heidi Klum kalt lächelnd aussortiert werden? Knallhartes Training und Hungerstress für die makellose Figur, Konsumrausch, Bling-Bling, kurzer Glamour in TV-Shows, teure Top-Seminare zur Selbstoptimierung und Geldvermehrung,  Coaching für High Potentials – was macht Glück aus?

Hallo Diogenes, noch wach?

Zu den Widersprüchen unserer Zeit gehört freilich auch das Gegenteil: Achtsamkeits-Seminare. Schweigeklöster. Wertschätzungs-Therapien. Verzichts-Doktrinen. Bescheidenheits-Traktate. Esoterik-Ratgeber, Einklang-mit-der-Natur-Lehren. Auch sie beschwören und versprechen ein glückliches Leben. Aber eben jenseits des Konsums. Des Konkurrenzdenkens. Des Egoismus. Der Gewinnoptimierung. Irgendwo über dem Regenbogen. Es sind zwei extrem entgegengesetzte Weisen, uns zum glücklichen Leben anzuleiten. Wir, also nicht wir alle, sondern jeder von uns ganz bei sich selbst ist da irgendwie zerrissen. Wenn wir ehrlich sind.

Vielleicht besteht eine Lösung ja darin, den Verführungen der Optimierung und den Predigten zum Verzicht gleichermaßen aus dem Weg zu gehen. Sich treiben zu lassen in dem, was uns selbst gemäß ist. Ein Waldspaziergang, die Einkehr in einem netten Café, einem Restaurant mit regionaler Küche, eine schöne Erwerbung in einem sympathischen Laden, auch mal ein gegönnter Luxus, eine genüssliche Dekadenz – „just for fun“, ohne daraus gleich ein Statussymbol zu machen, oder ein Konzert, eine Ausstellung – wo es uns gerade hintreibt. Ohne Lebensplan, ohne Anleitung, ohne theoretischen Überbau. Lassen wir all die Millionen von  wohlfeilen Ratgebern einfach mal beiseite und folgen planlos der eigenen Nase, dem spontanen Bedürfnis, dem lustvollen Gefühl.

Und weil unsere Region so vergleichsweise unspektakulär ist, aber all diese kleinen, unspektakulären Glücksverheißungen in Fülle bereithält, die sich zumeist nicht aufdrängen, die man entdecken und erkunden kann, ist hier ein glückliches Leben gar nicht so schwer. Man muss sich dafür nicht besonders anstrengen. So mag es denn gelingen. Denn, so banal es klingen mag, so entscheidend ist es doch: Grundvoraussetzung eines glücklichen Lebens ist, dass man gerne da lebt, wo man lebt.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Stadtglanz Print-Ausgabe 29 / Winter 2023.

 

Susanne Jasper

ist in Braunschweig aufgewachsen. Sie studierte Germanistik sowie Geschichte und volontierte später bei der Braunschweiger Zeitung. Wie die Journalistin und Mutter zweier mittlerweile erwachsener Söhne dem Leben mit Humor begegnet, lässt sich seit 15 Jahren in der dort regelmäßig erscheinenden Kolumne „Kinder, Kinder“ nachlesen. Zudem schreibt sie für verschiedene Medien in der Region und gelegentlich auch für Fachzeitschriften wie das Fußballmagazin 11 Freunde.

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