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Lifestyle

1. Juni 2022

Survival of the fittest

Optimierungsmaschinen oder die beste Version seiner selbst

Von Maja Zipf

Der Tag startet mit perfekt geplanten Morgenroutinen. Danach Zitronenwassertrinkend ins Gym gehen und in den neusten Sportklamotten das Workout durchziehen. Hinterher wird ein Selfie gemacht und auf Instagram gepostet mit dem Hashtag #fitnessmotivation oder #nevergiveup. Der Wunsch nach Anerkennung, Bestätigung und Selbstkontrolle scheint immer wichtiger zu werden.

Nach meinem Eindruck befinden sich Kulturtransformationen, wie die der Inszenierung des eigenen Lifestyles auf Social Media, seit Corona auf ihrem Hochpunkt. Durch die Pandemie mussten viele Orte der Begegnung, des Alltags und der Kultur geschlossen werden. Kein Kino, keine Bar und kein Fitnessstudio durfte zwischenzeitlich öffnen. Durch diesen Prozess wurde in den Lockdowns viele alltägliche Situationen in den digitalen Raum verschoben. Freunde wurden nun über Facetime, ZOOM, TEAMS und Co getroffen, Arbeit überwiegend im Homeoffice erledigt und Sport gerne über Streamingplattformen oder mit Hilfe von Homeworkouts online absolviert.

„Durch Corona wurde nicht nur die Digitalisierung beschleunigt, sondern auch die Intensität der Eigendarstellung des eigenen Life-styles in Social Media.“

Im Lockdown sind die Fitnessinfluencer zu den wahren Ikonen unserer Gesellschaft avanciert und retteten den Alltag vieler Menschen, durch ihre Fitnessvideos. Social Media wirkt wie eine Hilfestellung, um die eigene Motivation in den schwierigen Zeiten von Corona nicht zu verlieren – ganz im Gegenteil.

„Das Netzt quillt über mit unzähligen Videos und Storys von Menschen und ihren Fitnesstransformationen und Erfolgen.“

Vlogs wie In Corona zur Traumfigur, What I eat in a day oder Wie ich im Lockdown zu mir selbst gefunden habe, machen diesen Trend deutlich spürbar. Durch diese vielerseits erlebte Verlagerung unseres Alltags in die sozialen Medien, erlebt Fitness und Selbstoptimierung sein großes Comeback. Screenshots der eigenen Laufstatistik, Videos mit den Titeln „Wie du that Girl wirst“, „mein Glow-up“ oder „Meine krasse Transformation“ sind nur der Anfang dieser neuen Kulturtechnik. Influencer versuchen, ein möglichst perfektes Leben darzustellen. Der eigene Lifestyle wird zum Kapital unserer selbst. Fast dogmatisch wiederholen sich diese Glücksversprechen im Netz und Magazinen und appellieren an ein besseres Leben. Kein Wunder, denn der Wunsch nach Optimierung und Idealismus existiert mindestens seit dem Humanismus und der Revolution von neuen Schönheitsidealen, angekurbelt durch die Zeichnung von Leonardo Da Vinci im 16. Jahrhunderts. Meinem Eindruck nach prägen Schönheit und Ästhetik den Menschen schon so lange, wie der Mensch selbst existiert. Der Unterschied zur heutigen Generation Y und Z liegt dabei auf der Inszenierung seines eigenen Erfolges.

„Das Teilen von Bildern in einer Community, die darauf mit Likes reagiert, schafft neues Selbstbewusstsein – diese Anerkennung kann im schlimmsten Fall in einem Kreislauf des Selbstoptimierungswahns enden.“

Glücklich zu sein, hängt scheinbar vom Level der Selbstoptimierung ab. Entscheidend sind nur noch die Zahlen in unseren Fitnesstrackern und Gesundheitsapps. Wie viel Gewicht können wir stemmen, wie viele Proteine essen wir und wie gut war die Schlafqualität der letzten Nacht. All das beschreibt einen unheimlichen Kontrollmechanismus des eigenen Lebens. Es wirkt wie ein Paradoxon, wenn von Selbstbestimmtheit oder gar Freiheit geredet wird, wenn wieder ein Post des letzten Workouts erscheint mit dem Motto: Go hard or go home. Die Selbstoptimierung optimiert sich selbst über ihre eigenen Grenzen hinaus und wirkt eher wie eine Reglementierung, als wie die große, neue Freiheit. Routinen werden zu Dogmen. So werden nicht nur Körperformen optimiert, sondern ganze Tagesabläufe und Glaubenssätze, mit der Hoffnung, am Ende des Tages beruhigt einschlafen zu können, weil alles brav erledigt worden ist. Im Ergebnis sinken bei einem nicht unerheblichen Teil der Selbstoptimierenden der Selbstwert, im Gegenzug steigen die psychischen Erkrankungen, sogar bis hin zu Depressionen.

„Doch woher kommt diese Unruhe der heutigen Generation?“

Sind es die Folgen der Digitalisierung, durch die Pandemie, die Einschränkungen des Kontaktes und das Fehlen von Erfahrungen? Deutlich wird, dass dieheutigen Generationen mit ihren Seh- und Konsumgewohnheiten stark geprägt sind durch Social Media, und dass scheinbar ihre Selbstdarstellung noch zusätzlich verstärkt wurde durch die Pandemie. Selbstoptimierung scheint ein zweischneidiges Schwert zu sein. So kann Selbstoptimierung uns anfeuern, motivieren und uns unseren Zielen näher bringen. Gleichzeitig kann allerdings auch Druck, Zwang oder ein Verlust an Lebensqualität entstehen. Wie schon damals, gilt auch noch heute: Der Beste Weg dürfte die goldene Mitte darstellen. Eine gute Grundfitness ist schon eine gute Voraussetzung für Gesundheit. Nur sollte nicht die gesamte Energie auf die eigene Selbstoptimierung abzielen. Im Grunde geht es um die eigene Wahrnehmung von Glück und Zeit. Wie gehen wir mit unserer Zeit um und was macht uns glücklich? Wenn Glaubenssätze sich zu stark festsetzen, beispielsweise die Annahme, dass jeder Morgen sich erst dann produktiv anfühlt, wenn die morgendlichen (Achtsamkeits-)Rituale stattgefunden haben, wird es problematisch.

Auch wenn der Reiz dieser neuen Kulturtechnik einlädt, mitzumachen sich selbst immer wieder neu zu optimieren und darzustellen, wird sich das eigene Glücksempfinden nicht nur an diesen Parametern orientieren.

„Der Hype um den Wunsch, die beste Version seiner selbst zu werden, wird vermutlich die Zukunft prägen.”

Leistung und Optimierung sind starke Motoren, die Fortschritt und Innovation antreiben können. Das Leben ist nicht berechenbar und kann nicht nur aus gereihten Erfolgen bestehen. Selbstoptimierung beeinflusst unsere Gesellschaft mehr denn je. Gerade deshalb sollten wir gelegentlich einen Schritt zurück treten um die eigenen Umgangsformen mit uns selbst und den Sinn und Unsinn unserer Handlungen zu überprüfen. Wie viel ist wirklich notwendig, um Ziele zu erreichen und bringen diese auch einen Mehrwert?

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