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Lifestyle

9. August 2023

Boah, was ne Pracht!

Till enthüllt die geheimen Stärken im Revier von Löwe und Wolf!

Von Susanne Jasper alias Till Eulenspiegel

Lieblingsbeschäftigung:
Leute verarschen.

Hej ho, jetzt geht mal weg da, Leute, aber ganz rattenflink, lasst mich durch, habt ihr keine Glotzer im Schädel, ich bin‘s doch, euer Till, ihr kennt mich doch wohl hoffentlich, ich bin uralt, aber topfidel, einfach nicht totzukriegen. Jedes Kind kennt mich. Obwohl: So rein der lustige Kinder-August bin ich eigentlich gar nicht. Ich bin frech, aber manchmal auch echt fies. Lieblingsbeschäftigung: Leute verarschen. Na ja, in jedem Fall bin ich ein Kerl von Schrot und Korn, echt aus der Region. Ich mag halt nicht die Langeweiler, die Braven, die Lämmer. Am wohlsten fühle ich mich zwischen Löwe und Wolf. Verdammt stark sind die, jeder für sich, aber wären natürlich noch viel stärker, wenn sie mal mit ihren Reißerchen an einem Strick ziehen würden. Denn es ist ja so…

Moment, Leute, erst mal ein Geständnis von eurem Till, man muss ja ehrlich sein. Was das Arbeiten angeht, da bin ich eher auf Kriegsfuß. Immer weiträumig umgehen, ist meine Devise. Ich bin eher so der Ganoventyp. Aber wenn… Also sollte euer Till wirklich mal Bock auf Maloche haben, dann bei VW. Da gibt’s gutes Geld, gute Arbeitsbedingungen. Weil: starke Technologien, Innovationen, deutsche Ingenieurskunst. Aber auch: starke Gewerkschaften, starker Betriebsrat. Und da sieht man denn auch mal, wie gut das zusammengeht. Gemeinsam wuppen die auch die Elektrokarren. Bin ich ganz sicher. Mussmussmuss! Die ganze Region hängt dran. Einerseits: Hier wird ordentlich verdient, hier lebt es sich gut. Andererseits: Wenn die nießen, da in ihrer Butze am Mittellandkanal, haben wir alle Schnupfen.

Aber Till sieht nix black. Schon deshalb, weil es ja irre viele Ingenieure gibt, eine taffe Technische Universität, eine patente Fachhochschule, und an der HBK, da rennen nicht nur die Kunstfreaks mit lila Haaren und Pudelmützen rum, die Kunst aus Paletten und Wolters-Bierdosen zusammenkloppen, sondern auch mega-kreative Designer. All diese Typen und Typinnen baldowern schon die rettenden Ideen aus, Leute. Apropos: In Technologie sind wir ja ganz wolfslöwenstark. Könnt natürlich besser sein, in Sachen Start-ups sollen die Narren an Rhein und Ruhr besser sein, höre ich. Na, denn mal los, nix wie auf die Hinterbeine! Wir schwanken auch immer so bescheuert zwischen Lokalaffenstolz und Minderwertigkeitskomplex. Immerhin gibt es bei uns sogar einen Forschungsflughafen. Damit das Fliegen bald nicht mehr so laut und dreckig ist. Ihr wisst ja, Leute, Till kennt keine Scham. Aber Flugscham, die braucht dann bald auch keiner von euch mehr zu haben. Und wegen der Umwelt: Bei der Salzgitter AG wollen sie jetzt grünen Stahl kochen. Mit Wasserstoff. Total clean, sage ich euch!

Noch mal kurz zu VW, komm, lass ehrlich sein. Also, wie ich schon sagte, so als Ganoventyp habe ich auch ein großes verzeihendes Herz gehabt für… na, ihr wisst schon. Unter uns: War natürlich nicht in Ordnung, aber irgendwie schon auch eine Chose nach meinem Geschmack, bloß wieder zu wenig kriminelle Energie, die Yankees sind ihnen auf die Schliche gekommen. Aber, Leute, was soll’s, sie haben gebüßt und gezahlt. Till meint: Ey, Wolf, Alter, Zähne feilen, weitermachen!

Und der Löwe – die Eingeborenen sagen Haaanrich zu ihm – hat ein Standing da auf dem Burgplatz: voll die geballte Bronzepower über die Jahrhunderte. Da hast du diese tolle Kirche, da ist selbst der alte Spötter ein bisschen beeindruckt. Dieser Dom stand schon, als ich anno 1510 das trübe Schreibtischlicht des Stadtschreibers Hermann Bote erblickte. Dann haben die da so malerische krumme alte Häuschen, die erinnern mich an meine Jugendstreiche. Ihr wisst schon, die Nummer mit den Schuhen auf der Leine oder auch das Ding mit den Eulen und Meerkatzen, zum Beispiel.

Der Löwe hat mal ein ganzes Land regiert mit unfassbar eitlen und prunksüchtigen Herzögen. Die haben alle gedacht, sie seien der Sonnenkönig persönlich, der Louis für Arme. Ganz schön gezofft haben die sich mit den Bürgern, da flogen die Fetzen, oioioi! 1432 sind die feinen Herrschaften vorübergehend sogar nach Jäger…, äh Wolfenbüttel ausgebüchst, das Schloss steht heute noch, ein ganz hübsches Städtchen übrigens. Reitet mal hin, lohnt sich. Wenn ihr das alles genauer wissen wollt, müsst ihr den Professor mit dem langen Graubart fragen, der hat die alle noch persönlich gekannt, glaube ich. Heißt wie diese englische Hunderasse: Beagle oder so.

Da waren aber auch ganz pfiffige Kerlchen unter den Herzögen, zugegeben. Nicht nur Knalltüten. Ich nenne nur drei, von denen wir heute noch profitieren: Der olle August, der ist mir allerdings nicht ganz geheuer, ehrlich gesagt. Sorry, ich bin ja nur ein närrischer Vagabund. Bildungsfern, würde man heute sagen. Also mit den Buchstaben, da stehe ich auf Kriegsfuß. Diktiere das hier alles. Ein bisschen ungeschliffen, das merkt ihr, aber ich gebe mir dolle Mühe, ich schwöre. Jedenfalls, der August: auch ein Narr, irgendwie. Der hat so viele Bücher gesammelt, dass da noch bis heute Gelehrte aus aller Welt hinpilgern nach Wolfenbüttel zu seiner Bilbo…, ach nee, Billerbütek. So isses richtig, ha. Und der Lessing war ja auch da. Hat gezockt und genölt und sich rotzfrech mit seinem Herzog angelegt – ein Kerl nach meinem Geschmack.

Jetzt zum Sohnemann vom August: Anton Ulrich. Der wusste, dass er politisch aus seinem zerstückelten Zwergstaat heraus nicht viel reißen konnte. Hat er halt Kunst gesammelt. Schlau. Da bin ich vorbeigeschlichen in seinem Museum. Boah, was ne Pracht! Die ganzen prallen Weiber und schönen Jünglinge auf den Ölschinken, alter Schwede! Rembrandts Familie, so innig, da kommen selbst mir alter Krawallbürste die Tränen, hatte ja nie eine Familie. Und das Mädchen mit dem Weinglas: Guckt ein bisschen doof, die Göre, aber der rote Rock, da möcht‘ ich mich am liebsten reinwühlen in den Stoff.

Drittens: Carl. Der hat so Leute wie euch und mich reingelassen in die Sammlung von old Anton Ulrich. Damit ist es das erste öffentlich zugängliche Museum Europas. Guckst Du! Außerdem hat er die schnieke Porzellanmanufaktur in Fürstenberg an der Weser gegründet und die bis heute blühende Öffentliche Versicherung.

So, jetzt mal so under üsch: Jetzt kommt, warum der Löwe und der Wolf sich eigentlich so unheimlich gut ergänzen. Der Löwe hat diesen ganzen alten Superedelkram. Der Wolf hat ein Museum, da gibt sich die Weltkunst von heute die Klinke in die Hand. Ich verstehe wenig davon, ist mir bisschen zu intellel. Aber wenn ich drin bin: Macht Spaß, auch für so‘n Erbsenhirn wie Till. Scheinen mir wesensverwandt, die modernen Herren und Damen Künstler. Auch irgendwie auf sympathische Weise närrisch. Schrill, bunt, kommst du ins Grübeln – und auf verrückte Ideen. Vielleicht mache ich einfach mal mit bei denen.

...jetzt kommt, warum der Löwe und der Wolf sich eigentlich so unheimlich gut ergänzen.

Und auch architektonisch: Wo der Löwe Mittelalter-Inseln durch die Kriegs- und leider auch Nachkriegszerstörung gerettet hat, punktet der Wolf mit modernen Bauten weltberühmter Leute: Hans Scharoun, Alvar Aalto, Zaha Hadid. Und kulturell: Da gibt es beim Wolf die Autostadt, die kriegen in diesem Sommer wieder Weltstars, die kosten den Besucher nur kleine Euros. Wo bitte gibt es das sonst? Das ist unser Disneyland! Da hat es der Löwe allerdings schwerer, das muss man sagen. Aber was da etwa die Agentur Undercover so an Highlights aus Rock, Pop und Comedy aus dem Ärmel zaubert, zum Beispiel im Sommer im Raffteich, das hat schon auch Klasse. Zumal es beim Löwen auch noch eine selbstgemachte Spezialität mit fetziger Mucke von der Jazzkantine gibt: Musicals über Themen der Stadt. Letztens zum Beispiel über den Diamantenherzog. Einen von den Knallköppen auf dem Thron, dem die Braunschweiger anno 1830 das Schloss unter dem Hintern angezündet haben. Ich war übrigens damals auch dabei. Ehrensache, Leute. Empört euch! Und im Bürgerpark, da gibt’s im Sommer lustige Kaspereien und Gaukeleien aller Art in einem putzigen Spiegelzelt. Daneben macht demnächst auch eine Strandbar an der Oker auf: Grinsekatz. Wie gemacht für Till: Chillen ohne Ende.

Theater gibt es auch. Beim Wolf der superschicke Scharoun-Bau mit allem an Gastspielen, was gut und teuer ist, Ulrich Matthes aufwärts. In Braunschweig ein mächtig gewaltiges Staatstheater mit fünf Sparten, natürlich inklusive A-Orchester. Gerade neulich schrieb ein Kritiker aus Berlin, für die Oper „Dante“ lohne es sich, von weither anzureisen. Habe ich geglotzt. Stimmt. Und mit einem echten Spitzenorchester, das sich auch nicht zu schade ist, im Sommer launig für lau im Park klassische Gassenhauer rauszuhauen für ein sehr vergnügtes Picknick-Publikum, das sich ungeniert amüsiert wie damals im Mittelalter, also meiner Jugendzeit.

Puh, sorry, Leute, dieses viele Labern strengt mich echt an. Gar nicht gewöhnt. Ich bin ja eher der Actionheld. Weil wir gerade in Wolfenbüttel sind, schnell mal einen kippen. Kräuter für den Magen, Würze für den Gaumen. Ein Gesöff, musst du aufpassen, damit du rechtzeitig die Kappe draufkriegst, so gut perlt das durch die Kehle. Trinken sie in aller Welt. Jedem Fan wird’s jetzt bewusst: Das kann doch nur Jägermeister sein. Und wer wirklich eingeschworener Fan ist, erkennt an dieser Stelle auch einen altbewährten Gesang im Eintracht-Stadion heraus. Apropos Stadion: Der ohrwurmige Song zur Halbzeitpause beginnt mit dem Kalauer: „Wolters oder Wolters nicht?“ Na klar, ohne unser einheimisches Spitzenbräu geht wenig bei uns – im Stadion sowieso nicht. Aber auch zum Beispiel bei unserem Riesenspitzen-Karnevalsumzug, bei dem über zwei Milliarden Braunschweiger (ungelogen) zwischenzeitlich zu Narrenkollegen von mir werden. Merke: Wir haben den Li-La-Längsten! Mit dem Gerstensaft haben sich schon die ollen Herzöge ihre Mätressen schöngetrunken!

Na ja, Fußball… Ein Riesenthema für sich in dieser Region. Nur so viel: Was den finanziell protzig ausstaffierten Retortenclub-Kickern in Grün gegenüber den zweitklassigen Armenhaus-Grätschern in Blaugelb an Urwüchsigkeit und Tradition abgeht, das machen längst die Super-Mädels aus der VfL-Damenmannschaft… Nee, stopp mal, das ist ja ein total in sich verkorkstes Wort, das geht ja gar nicht. Also nochmal: Das macht die Damenschaft des VfL durch eine unwiderstehliche Mischung aus Können, Charme und Grazie mehr als wett.  

Wie komm‘ ich jetzt vom Kräuterlikör zum Fußball? Oh weh, ganz schön Chaos unter der Schellenkappe. Ach ja, der Hirsch auf der Brust. 70er-Jahre, erste Trikotwerbung, gab gewaltig Aufregung damals, ganz nach dem Geschmack vom Till. Gibt ja eine Regel: Was sind die drei Lieblingssportarten der Deutschen? Antwort: 1. Fußball. 2. Fußball. 3. Fußball. Ist aber Quatsch. Wer sich das ausgedacht hat, kann sich gleich mal ein paar Maulschellen abholen. Beim Wolf wird Eishockey in Bundesligaformat gespielt, bärenstarke Grizzlybären sind das, denen komm mal besser nicht zwischen die Kufen. Beim Löwen gibt’s Top-Basketball. Und weil‘s ne Ami-Sportart ist, heißen die Top-Footballer in der Stadt eben Lions – das heißt Löwe auf Altgriechisch. Nicht, dass ihr denkt, ich sei komplett ungebildet. Jedenfalls, da rennen die Leute überall hin, weil‘s dufte Truppen sind und tolle Stimmung ist in der Buden. In Braunschweig findet zudem ein Erste-Sahne-Springreit-Turnier statt und ein hochkarätig besetztes Tennis-Turnier, das vor allem bei den Spielern beliebt ist. Bei Zuschauern auch, wobei es lästerliche Stimmen gibt (naturgemäß auch meine), die behaupten, attraktiver als die schwitzenden Herren mit ihren Filzbällen sei den Leuten inzwischen das sommerabendliche Unterhaltungsprogramm.

So jetzt aber mal raus hier. Kleiner Umweg über Helmstedt, da gibt es auch eine Uni, die ist aber historisch, quasi außer Betrieb, viele schlaue Vorträge und Symposien da. Und eine Grenze, so bescheuert wäre nicht mal Till, einen Zaun zu ziehen längs durch ein ganzes Land, wo du erschossen wirst, wenn du zu nah…, zum Glück überstanden, kann man aber noch sehr gut nachvollziehen in Helmstedt. Puh, war das ein Satz? Zu viel im Kopf gewälzt, Birne leer, vieles trotzdem gar nicht erwähnt, Peine, Gifhorn, sorry, müsst ihr mal selbst hin, lohnt sich. Ist einfach zu reichhaltig die Region für einen schlichten Narrenschädel.
Nichts wie ab in den Harz, Erholung, Baden, Wandern, Balsam auf die Seele. Die Bäume sind im Moment ganz schön kaputt, aber das wird schon wieder. Die haben da einen Plan im Naturpark. Alles wird wieder grün und so mischwaldig, wie es mal war, bevor der Harz zu meiner Zeit das Ruhrgebiet des Mittelalters war. Kann man noch ganz gut nacherleben, die ganze Bergbau-Tradition. Und wer jetzt sagt, das Beste an der Region sei der kurze Weg nach Berlin, den tret’ ich aber sowas von in den Allerwertesten!  Obwohl: So ganz falsch ist es ja nicht;)

Dieser Artikel erschien zuerst in der Stadtglanz Print-Ausgabe 27 / Sommer 2023.

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