Wirtschaft
Das Sofa 38
Zwischen Backstube und Parcours: Wie Milkau Familie und Unternehmertum verbindet
Von Timo Grän
Ein Gespräch über familiäre Prägung, Existenzdruck, Pferdesport und die nächste Generation im Mittelstand. Im Rahmen unseres Stadtglanz-Schwerpunkts „Familien & Unternehmen“ werfen wir einen Blick auf die Familie Milkau – eine in der Region tief verwurzelte Unternehmerfamilie, die seit Generationen für handwerkliche Leistung, Verantwortung und unternehmerischen Mut steht. Neben dem traditionsreichen Bäckereihandwerk hat sich die Familie Milkau auch im Pferdesport als Unternehmer etabliert. Axel Milkau, der das Familienunternehmen heute in dritter Generation führt, spricht offen über Herkunft, Prägung und Werte – über Existenzängste ebenso wie über Freiheit, Vertrauen und die Verantwortung gegenüber der nächsten Generation. Ein Gespräch über das, was Familienunternehmen im Innersten zusammenhält.
Axel, erzähl uns doch bitte ein wenig über dich und deine Familie. Wer gehört alles dazu, was machen sie und wie seid ihr in der Region verwurzelt?
Ich bin ein Kind einer waschechten Braunschweiger Handwerksfamilie in dritter Generation. Die vierte Generation steht mit meinen beiden Söhnen bereits in den Startlöchern, um ebenfalls ins Unternehmertum einzusteigen. Ich habe zwei Schwestern, und wir alle sind sehr dankbar, dass unsere Eltern noch gesund in unserer Mitte sind. Diese familiäre Nähe, gepaart mit Bodenständigkeit und Leistungswillen, prägt uns bis heute – genauso wie unsere tiefe Verwurzelung in der Region Braunschweig.
Was sind die zentralen Werte, die eure Familie prägen? Wie lebt ihr diese im Alltag – jenseits von Betrieb und Öffentlichkeit? Gibt es Unterschiede zwischen den Generationen?
Grundsätzlich darf mein bisheriges privates Familienleben ehrlicherweise als etwas unruhig bezeichnet werden. Mein Weg war kein klassischer, der der ewigen Zweisamkeit folgt. Insofern sind meine beiden Söhne und einige sehr enge Weggefährten heute mein Kern der Zufriedenheit. Dieser Zufriedenheit liegt ein zentraler Wert zugrunde: Verantwortung füreinander zu übernehmen und gleichzeitig Freiheit zu ermöglichen. Meine beiden Söhne gehen aktuell ihre eigenen Wege und beziehen eigenständige Wohnungen. Zuvor haben wir lange als eine Art Herren-WG in unserem Hofhaus zusammengelebt. Diese Zeit war intensiv und prägend. Unser Hof in Alt-Lehndorf hat dabei eine wichtige Rolle als familiäre Oase übernommen. Hier haben wir gelacht, gestritten, Ängste geteilt, uns versöhnt – und manchmal auch gemeinsam am Lagerfeuer einen über den Durst getrunken. Unser naturbelassenes Zusammenleben entsprach vielleicht nicht immer gesellschaftlichen Idealvorstellungen. Aber genau darin lag auch seine Kraft. Das Leben verläuft nicht gerade. Man muss sich selbst finden – und manchmal neu erfinden. Mir war immer wichtig, authentisch zu bleiben und mich nicht verbiegen zu lassen, auch wenn es weh tut. Allen drei bisherigen Generationen der Milkaus wurde nichts geschenkt. Unsere Schaffenskraft ist geprägt von Arbeit und Existenzängsten. Jede Generation befand sich im Aufbau. Was uns getragen hat, war ein gelebtes Zuhause – ein Ort, an dem man in Deckung gehen durfte und wusste, dass am Ende jemand Verantwortung übernimmt. Diesen Heimathafen zu schaffen und zu erhalten, ist der zentrale Familienwert, der uns verbindet. Oder, um ein überliefertes Zitat zu bemühen:
Was du ererbst von deinen Eltern, erwirb es, um es zu besitzen.
Welche Rolle spielte das Aufwachsen in einer Unternehmerfamilie für dich persönlich? Gab es einen Moment, in dem dir klar wurde: Ich will diesen Weg weitergehen? Was gefällt dir daran – und was sind die Kehrseiten?
Wie bereits erwähnt, konnte sich bei uns keine Generation ausruhen. Das Aufwachsen in einer Arbeiterfamilie ist leistungsorientiert und rau – eine Lebensschule, an der auch sanfte Seelen zerbrechen können. Existenzängste, permanenter Druck, das Gefühl, immer wieder „liefern“ zu müssen – das erlebt nur die Familie im Innersten. Dieser Dauerdruck schreckt viele junge Menschen ab. Mir hat mein paralleler Weg im Leistungssport geholfen. Ich habe früh gelernt, mit Druck umzugehen, in Allianzen zu denken und Ziele eigenständig zu erreichen.
Erfolge vermittelten mir Freiheit. Niederlagen haben mich gelehrt, mich nicht schwach zu fühlen, sondern daraus neue Ziele zu formulieren. Als ich als fertiger Bäckermeister in das Unternehmen meiner Eltern eingestiegen bin, durfte ich zunächst Bleche putzen und sämtliche Helfertätigkeiten über einen langen Zeitraum ausführen. Mein Vater hat mir sehr klar vermittelt, dass die wichtigsten Mitarbeiter diejenigen sind, die täglich zuverlässig Aufgaben übernehmen, die andere nicht machen möchten. Diese Erkenntnis hat meinen Respekt gegenüber jedem Einzelnen geprägt – ein unschätzbarer Wert im Umgang mit Menschen.
Gleichzeitig hat der Sportler in mir früh gespürt, dass ich mich nicht ausschließlich unter der DNA meines Vaters entwickeln kann. Die logische Konsequenz war, parallel ein eigenes unternehmerisches Projekt aufzubauen. So entstand mein heutiges zweites Unternehmen im Pferdesport. Diese Freiheit des Machens hat mir mein Elternhaus immer erlaubt. Zu wissen, dass ich ein gelebtes Zuhause habe, hat mir die Stärke gegeben, Risiken einzugehen. Dafür bin ich meinen Eltern sehr dankbar. Heute freue ich mich, dass mein Vater sein Pferde-Hobby auf meinem Hof jeden Tag im Ruhestand leben kann. Ich bin stolz darauf, alles mit eigenem Geld und eigenen Krediten aufgebaut zu haben. Jede Unterschrift habe ich selbst gesetzt. Das fühlte sich frei und richtig an.
Wie habt ihr diese familiären Werte konkret in den Bäckereibetrieb eingebracht? Wo zeigt sich der familiäre Zusammenhalt im täglichen Handwerk besonders deutlich?
Wenn ich die Werte persönliche Leistungsentwicklung und Vertrauen ernst nehme, dann handle ich konsequent danach. Ich habe meine Söhne in dieser besonderen Zeit bewusst ins kalte Wasser geschmissen – ohne jedoch die Kontrolle vollständig abzugeben.
Das war weder für die Jungs einfach noch für mich. Aber ich halte es für notwendig. Die Zeiten für mittelständische Unternehmen werden immer schwieriger. Solange ich noch aus der zweiten Reihe schützen kann, ist es besser, dass die nächste Generation früh echtes Feedback für ihr Handeln bekommt.
Ich habe keine Zeit zu verlieren, alles lange theoretisch zu erklären. Ich initiiere, lege Pfade an – der Rest entsteht durch das Machen. Vertrauen, auch wenn es Geld und Nerven kostet. Ich habe großen Respekt vor meinen Söhnen, dass sie diesen schweren Weg gehen wollen. Gleichzeitig bin ich dankbar für unsere treuen, langjährigen Mitarbeiter und Weggefährten. Als Unternehmerfamilie sind wir nur so gut wie die Menschen, die uns täglich unterstützen.
Bäckereien stehen heute zwischen Tradition und wirtschaftlichem Druck. Wie gelingt es euch, handwerkliche Qualität zu bewahren und euch dennoch weiterzuentwickeln?
Wir versuchen trotz aller wirtschaftlichen Rahmenbedingungen die Balance zwischen Handwerk und technischer Unterstützung in der Produktion zu halten. Der Faktor Mensch ist dabei nach wie vor entscheidend. Der viel zitierte Begriff der Transformation ist im Handwerk allerdings sehr schwerfällig umzusetzen. Die finanziellen Mittel reichen oft nicht aus, um die notwendige Geschwindigkeit zu erreichen. Deshalb gehen wir den Weg kleiner, vorsichtiger Schritte und verschlanken Kosten insbesondere in Verwaltung und Administration. Im Moment sind wir gezwungen, am Markt zu bestehen und unser Geld zusammenzuhalten. Wir beobachten, wie sich technische Entwicklungen und neue Store-Konzepte weiterentwickeln.
Problematisch ist, dass die Politik Produktionsstandorte nicht ausreichend absichert. Viele Betriebe werden bei großen Investitionen allein gelassen und scheitern. In den letzten zwei Jahren hat mein Pferdesportunternehmen die Bäckerei finanziell stark unterstützt – andernfalls wären auch wir mit der Bäckerei vom Markt verschwunden.
Wir hoffen im Handwerk sehr, dass sich die Politik künftig nicht nur auf den Lohnsektor konzentriert, sondern auch für fairen Handel sorgt. Es braucht verbindliche Preisuntergrenzen für Lebensmittel, die Handwerk und Handel gleichermaßen berücksichtigen. Nur so können produzierende Betriebe bestehen bleiben – und damit auch unsere Versorgungswirtschaft in unsicheren Zeiten schützen.
Was bedeutet Verantwortung für dich – gegenüber Mitarbeitenden, der Region und deiner eigenen Familie?
Verantwortung bedeutet mir sehr viel. Ob im Ehrenamt, im Unternehmen oder gegenüber seinen Liebsten. Dieser Wert muss nicht laut sein. Es ist ein innerer Anspruch, im Rahmen der eigenen Möglichkeiten da zu sein und das richtige Signal zu setzen – auch dann, wenn es unbequem ist.
Verbindung zum Pferdesport
Ihr seid nicht nur in der Bäckerei aktiv, sondern auch stark im Pferdesport verwurzelt. Wie ist diese Leidenschaft entstanden und welchen Stellenwert hat sie im Familienleben?
Milkau & More Sportpferde (M&M) ist als eigenständiges Unternehmen und Marke zu einer starken wirtschaftlichen Säule innerhalb unseres Familienunternehmertums gewachsen.Mit dem Einstieg meiner Söhne in das Bäckereiunternehmen habe ich ab 2026 zusätzlich eine Juniorpartnerin in das Pferdeunternehmen integriert. Mittelfristig wünsche ich mir wieder eine klare Entkopplung beider Unternehmen, sodass jedes eigenständig und unabhängig agieren kann.
In Kurzform: Wie hat sich das Business entwickelt und wie geht es weiter?
Der Pferdesport – insbesondere Turniersport und Pferdehandel – ist heute absolut global. Rund 95 Prozent unserer Kunden im Pferdehandel kommen aus dem Ausland. Gleichzeitig erschweren politische Rahmenbedingungen wie die neue Tierarztgebührenordnung, steigende Entsorgungskosten, Grundsteuern und weitere Abgaben das Überleben klassischer Pferdebetriebe massiv. Heute funktioniert wirtschaftlicher Pferdebetrieb fast ausschließlich über Handel und Dienstleistung in der Ausbildung von Sportpferden.
Gibt es Werte oder Fähigkeiten aus dem Reitsport, die dir auch im Unternehmeralltag helfen?
Absolut – und heute mehr denn je. Ein Pferd ist ein absolutes Individuum und oft der Spiegel des eigenen Handelns.
In einer zunehmend digitalisierten und anonymisierten Gesellschaft vermittelt die tägliche Arbeit mit dem Pferd genau die Grundwerte, die wir heute dringend brauchen: Vertrauen, Geduld, Verantwortung und echtes Miteinander. Ein Pferd kann nicht sprechen. Man muss lernen, hinter die Stirn zu blicken. Nur über Vertrauen, Durchhaltevermögen und gegenseitigen Glauben entstehen gemeinsame Höhenflüge. Man darf nicht versuchen, Schwächen zu bedienen, sondern muss Stärken entwickeln. Ein Reiter, der die Stärken seines Pferdes im Parcours in den Vordergrund stellt und sich selbst zurücknimmt, erreicht den Erfolg im Team am schnellsten.
Wie geht ihr mit Konflikten um – in der Familie im Vergleich zum Business?
Ehrlich gesagt gibt es aus unserer Geschichte heraus privat einige Defizite. Ich habe früh gelernt, vieles herunterzuschlucken und weiterzumachen. Kommunikation war oft der Erschöpfung des Arbeitsalltags geschuldet nicht ausreichend vorhanden.
Wir wissen das und arbeiten daran. Perfekt werden wir darin nicht mehr. Aber wir sind empathisch – und im richtigen Moment kommen wir immer wieder zusammen.
Ob im Business oder in der Familie: Kommunikation und Transparenz sind heute der wichtigste Schlüssel für ein funktionierendes Miteinander.
Welche Werte möchtest du deinen Söhnen mitgeben – unabhängig davon, ob sie das Unternehmen weiterführen?
Ich möchte meinen Kindern mitgeben, auf ihr eigenes Gefühl zu vertrauen, Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen und ihre eigenen Bedürfnisse genauso ernst zu nehmen wie die der anderen.
Familienunternehmen stehen heute vor besonderen Herausforderungen. Was beschäftigt euch aktuell am meisten?
Letztlich hängt alles zusammen – ob Bäckerei oder Pferdesport. Besonders schwer wiegt, dass der mittelständische Unternehmer, der im eigenen Risiko steht, im politischen System zu wenig Schutz erfährt.
Unternehmer zu sein ist heute kein Privileg. Es ist eine Last und eine Haltung. Man trägt Verantwortung – jeden Tag. Dieser Kraftakt ist die größte Herausforderung.
Und trotzdem machen wir weiter. Nicht, weil es leicht ist, sondern weil wir wissen, wie wichtig unser Beitrag für unsere Mitarbeiter, unsere Region und unsere Gesellschaft ist.
Wenn du fünf bis zehn Jahre nach vorn blickst: Was wünschst du dir für eure Familie und für den Namen Milkau?
Ich wünsche mir, dass meine Familie auch in unsicheren Zeiten in Frieden und ohne ständige Existenzängste leben kann. Dass sie ihre innere Mitte behält und das, was frühere Generationen aufgebaut haben, mit Freude weiterträgt. Für den Namen Milkau wünsche ich mir, dass er weiterhin für generationsübergreifendes Engagement, Verantwortung und Balance steht.
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